Deutscher Bergsteiger vermisst: Kein Kontakt am Kangchendzönga

Luis Stitzinger

Luis Stitzinger ist tot. Wie die nepalesische Tageszeitung „The Himalayan Times“ am Dienstag berichtete, wurde der Leichnam des Höhenbergsteigers aus Füssen am Dienstag in 8400 Metern Höhe am Kangchendzönga (8586 Meter) gefunden. Ein Team von fünf Sherpas war am Montag ins Basislager gebracht worden, um nach Stitzinger zu suchen. Laut „Himalayan Times“ wird der Leichnam in eines der tiefer gelegenen Hochlager gebracht. Die Zeitung beruft sich auf Mingma Sherpa, den Geschäftsführer von Seven Summit Treks, einer Agentur, die auch Stitzingers Expedition organisiert hat. Der Tod Stitzingers zeigt, wie risikobehaftet das Höhenbergsteigen ist, auch wenn manche Veranstalter am Mount Everest Erfolgsraten von 100 Prozent verkünden.

Luis Stitzinger wurde seit Donnerstag am dritthöchsten Berg der Welt im Osten Nepals vermisst. Am Mittwoch um 18 Uhr begann er seinen Aufstieg von Lager vier auf 7600 Meter in Richtung Gipfel. Am Donnerstag gegen 17 Uhr erreichte er ihn. Für den Vierundfünfzigjährigen war es der zehnte von 14 Acht­tausendern. Um etwa 21 Uhr gab es noch Funkkontakt mit ihm. Anschließend wollte Stitzinger mit Skiern zum Lager vier abfahren. Dort kam er aber nicht an. Weil sein GPS keine Signale sendet, konnte er nicht geortet werden. Stitzinger war am Kangchendzönga ohne Flaschensauerstoff unterwegs.

Wie Stefan Nestler, der in Kontakt mit Stitzingers Frau stand, der Höhenbergsteigerin Alix von Melle, in seinem Blog „Abenteuer Berg“ berichtete, war Luis Stitzinger Mitte Mai zum ersten Mal Richtung Gipfel aufgebrochen, im oberen Bereich des Bergs aber in eine falsche Rinne ein­gestiegen, weshalb er den höchsten Punkt verfehlte. Seiner Frau, die ihn auf mehrere Achttausender begleitet hatte, berichtete er demnach anschließend, dass die Schneeverhältnisse zwischen etwa 8000 Metern und dem Basislager kein Problem für eine Skiabfahrt seien.

Luis Stitzinger, der als einer der erfahrensten deutschen Höhenbergsteiger galt, machte sich mit kühnen Skibefahrungen weltweit einen Namen. An insgesamt sieben Achttausendern fuhr Stitzinger mit Skiern ab. Am Nanga Parbat (8125 Meter) absolvierte er die erste Skibefahrung der zentralen Diamirflanke. Am K2, dem mit 8611 Meter zweithöchsten Berg der Welt, gelangte er von 7900 Meter Höhe über die Kukuczka-Route auf Skiern bis zum Wandfuß. In jüngeren Jahren ging es ihm dabei zusätzlich um die Geschwindigkeit. 2006 gelang ihm gemeinsam mit Sebastian Haag, der später an der Shishapangma (8027 Meter) in einer Lawine starb, und Benedikt Böhm die erste vollständige Skibefahrung des Gasherbrum II (8034 Meter). Vom vor­geschobenen Basislager in 5900 Meter Höhe benötigten sie trotz anstrengender Spurarbeit nur zwölfeinhalb Stunden bis zum Gipfel.

2007 erreichte Stitzinger vom Basislager auf 4450 Metern in weniger als zehn Stunden über die Nordwand den 7134 Meter hohen Gipfel des Pik Lenin und fuhr auf Skiern wieder hinunter. „Ich gehe nicht auf einen Berg, weil ich einen Rekord brechen will“, sagte er damals. „Mir geht es um das Erlebnis von Natur und Körper. Das ist noch einmal intensiver, wenn der Körper auf Hochtouren ist.“

Trotz dieser Leistungen gehörte Stitzinger nicht zu der Kategorie Alpinisten, die mit Ankündigungen protzen, dann aber keine Erfolge vermelden können. Dass er für diese Saison im Himalaja etwas plante, konnte man aus Posts bei Facebook er­ahnen, in denen er über längere Skitouren berichtete. Dass er sich auf ein konkretes Projekt vorbereitete und nach Nepal fahren würde, ging daraus aber nicht hervor. Neben seinen privaten Projekten leitete Stitzinger auch kommerzielle Expeditionen an Achttausendern.

Zuletzt war er am Mount Everest zweimal als Bergführer im Einsatz. Im vergangenen Jahr begleitete er Graham Keene auf den Mount Everest, den mit 68 Jahren ältesten Briten, der jemals den Gipfel erreicht hat. Auch vom Mount Everest wollte er mit Ski abfahren, beide Male kam etwas dazwischen, im vergangenen Jahr ein Atemwegsinfekt.  Nur bei diesen Everest-Expeditionen war Stitzinger aus Sicherheitsgründen mit Flaschensauerstoff unterwegs. Für den höchsten Berg der Welt hatte er aber noch seine Pläne: Ohne Flaschensauerstoff auf den Mount Everest zu steigen – das sei noch immer ein Wunsch, den er gerne verwirklichen  würde, sagte er erst im März dem F.A.Z.-Magazin.

Stitzinger galt als überaus besonnener Bergsteiger, Bergführer und Expeditionsleiter. Lukas Furtenbach, für dessen Unternehmen Luis Stitzinger als Bergführer unterwegs war, beschreibt den Allgäuer als einen der „erfahrensten, zuverlässigsten und umsichtigsten Expeditionsbergführer“, die er kenne. „Deshalb ist man zwar nicht vor dem Restrisiko an hohen Bergen gefeit, aber deshalb war er fixer und fundamentaler Bestandteil unseres Everest-Guide-Teams.“ Neben seiner professionellen Qualität unterstreicht Furtenbach auch Stitzingers menschliche Seite: „Ein Ausnahmemensch.“

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