Was ist vom norddeutschen Olympia-Traum geblieben?

7 Tage vor

Stand: 06.07.2024 15:24 Uhr

Eröffnungsfeier auf der Seine statt auf der Elbe: In diesem Sommer trägt Paris die Olympischen Spiele 2024 aus, für die sich auch Hamburg und Kiel bewerben wollten. Die Bewerbung wurde aber nach einem Volksentscheid in Hamburg Ende 2015 eingestellt. Was ist von den damaligen Plänen übrig geblieben?

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von Anina Pommerenke und Hella Horstendahl

An einem kleinen Trainingsgelände an der Hamburger Außenalster treffen Profi-Sportler, ein älterer Herr in Straßenkleidung und eine kreischende Horde Kinder aufeinander. Die einen machen nur ein paar Sit-Ups, die anderen absolvieren hier ihr gesamtes Workout. Die sogenannte Bewegungsinsel ist eines von 232 Zielen des Active City Programms, zu dem sich der Hamburger Senat nach dem Scheitern der Olympia-Pläne verpflichtet hat.

Staatsrat Christoph Holstein ist überzeugt, dass der Hamburger Sport-Spirit das wichtigste Überbleibsel der Olympia-Pläne ist.

Die Idee: Sport fördert ein besseres Großstadt-Leben. Durch Angebote im öffentlichen Raum sollen Menschen niedrigschwellig an Sport herangeführt werden. Für ihn sei es vor allem dieser Sport-Spirit, sagt Sport-Staatsrat Christoph Holstein, der die Hansestadt mit der Bewerbung um die Olympischen Spiele erobert habe. Genau der sei nach wie vor zu spüren.

Sport als Faktor für Lebensqualität

"Sport und Bewegung haben einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Wir wissen, dass Sport wichtig für die Lebensqualität der Menschen ist", macht Holstein deutlich. Durch die Pläne für die Bewerbung als Austragungsort für die Olympischen Spiele 2024 habe ein Meinungswechsel in der Politik stattgefunden, über den er sehr froh sei: "Es muss Platz für Sport sein, Sport muss bei der Planung bedacht werden."

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Modernisierung von Sportanlagen - auch ohne Olympia

Trotz der eingestellten Olympia-Bewerbung habe Hamburg 36 Infrastruktur-Projekte aus der Planung durchgeführt - von kleinen Modernisierungen von Sporthallen bis hin zu großen Projekten wie der Renovierung der Reitanlage in Flottbek oder einer Eisanlage in Eimsbüttel, so Holstein. Die geplante Besiedlung des Kleinen Grasbrooks werde auch umgesetzt - wenn auch in einem kleineren Umfang als bei der Olympia-Bewerbung zunächst angedacht.

Seiner Meinung nach haben sich die gut zehn Millionen Euro, die Hamburg für die Olympia-Bewerbung ausgegeben hat, gelohnt. Insgesamt schaut er positiv auf die Zeit zurück: "Das war schon ein Lieblingsprojekt. Wir haben alle sehr viel und sehr hart gearbeitet - aber wir wussten, dass es für eine gute Sache war."

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Aus Niederlagen lernen

Dass sich die Hamburger 2015 in einem Bürgerschaftsreferendum gegen Olympia entschieden haben, akzeptiere er natürlich: "Ich habe an dem Abend gesehen, dass sich da viele weinend in den Armen lagen. Das fand ich ganz rührend. Das hat auch gezeigt, dass wirklich etwas dahintersteckte." Trotzdem bleibt Hostein realistisch und lenkt den Blick bereits in die Zukunft: "Im Nachhinein ist es so wie im Sport. Sie haben eine Niederlage einstecken müssen, machen Sie das Beste daraus. Lernen Sie für das nächste Mal und kommen Sie klar mit dem, was Sie nicht ändern können."

Der Blick geht nach vorne: Olympia 2036 oder 2040 in Hamburg?

Nun will sich die Hansestadt erneut an einer möglichen deutschen Bewerbung beteiligen - dieses Mal für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036 oder 2040. Holstein ist dafür aktuell mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) im Gespräch - mit einem neuen Ansatz. "Wir müssen größer denken und noch mehr erklären, was wir vorhaben, was das für die Menschen hier in der Stadt bedeutet", erklärt der Staatsrat für Sport. Er erhofft sich für die nächste Bewerbung auch die Unterstützung der Bundesregierung, ohne deren klare Finanzierungs-Zusage eine erfolgreiche Umsetzung nicht möglich sei.

Für Holstein überwiegen nach wie vor die Chancen von Olympischen Spielen. Durch die Ausrichtung der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland habe sich gezeigt, dass durch Sport positive Bilder der Stadt in die Welt getragen werden können. Im Konkurrenzkampf mit anderen großen, attraktiven Städten in Europa müsse man sich anstrengen, zum Beispiel um Fachkräfte oder auch Unternehmen anzulocken.

Kiel wollte Olympiazentrum Schilksee modernisieren

Ja oder Nein zu Olympia? Auch der Probelauf mit seinen Kindern fiel bei Felix Schmuck zugunsten der Austragung der Sommerspiele aus.

Kiel hatte sich bei der Olympia-Bewerbung 2015 gegen andere deutsche Städte für die Austragung der Segelwettbewerbe durchgesetzt. Am Kieler Olympiastützpunkt Schilksee, an dem die Rennen stattgefunden hätten, holt Felix Schmuck vom Kieler Stadtplanungsamt vergilbte Zeitungsartikel, das Muster des Original-Abstimmungszettels und andere sentimentale Erinnerungsstücke aus einer Klarsichtfolie. Ein selbstgemalter Wahlzettel fällt ins Auge. Mit seinen Kindern habe er damals zu Hause eine geheime Probe-Abstimmung gemacht: Sie fiel einstimmig für die Austragung der Segelwettbewerbe in Kiel aus: "Oma hat kontrolliert", schmunzelt der Architekt. Schmuck war Teil des Kieler Planungs-Teams und für die Neugestaltung des Olympiazentrums Schilksee zuständig. Dort hätte ein Segel-Campus entstehen sollen.  

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Planungen unter großem Zeitdruck

Er habe Ehrfurcht vor dieser großen Idee gehabt, erinnert sich Schmuck, sei gleichzeitig aber auch pragmatisch an die Sache herangegangen: "Was braucht es, um zwei Wochen Olympische Spiele an einem Ort durchzuführen?" Stück für Stück habe er sich der großen Herausforderung mit vielen anderen Kolleginnen und Kollegen gestellt.

Der olympische Gedanke habe schon bei der Planung dominiert: Egal ob im Austausch mit der Bewerberstadt Hamburg oder mit der Bundesregierung, um zum Beispiel die finanziellen Fragen zu klären - überall habe große Freude und Neugierde geherrscht. "Man hat nie genug Zeit für die Planung", hätten ihm Kollege erzählt. "Trotzdem klappt es jedes Mal. Hinten gehen die Fliesenleger raus, vorne kommen die Sportlerinnen und Sportler rein."  

Positive Folgen für Kiel nach Planungs-Phase

Olympische Spiele zu planen - das sei eine Aufgabe, die nicht alle Tage auf dem Schreibtisch lande. "Es war ein super Gefühl - so eine klassische Once-in-a-Lifetime-Chance", blickt Schmuck zurück. Umso schlimmer sei es für alle Beteiligten gewesen, als die Ergebnisse des Volksentscheids in Hamburg öffentlich wurden: "Wir haben uns abends in den Zug gesetzt und sind nach Hamburg gefahren, um unsere Kolleginnen und Kollegen dort zu unterstützen. Es war eine lange Nacht, in der viel Rotwein getrunken wurde." Doch Schmuck ist überzeugt, dass nichts umsonst gewesen sei. Bereits zwei Mal konnten die Kieler positive Erfahrungen mit Olympia sammeln, irgendwann werde es ein drittes Mal geben. 

Unter anderem habe sich kurz nach den Olympia-Plänen auch der Deutsche Segler-Verband mit einem Bundesstützpunkt in Schilksee angesiedelt. Das habe der Kieler Woche einen Schub verpasst.

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer ist sich sicher: "Kiel kann und will Olympia."

Auch Kiel hat Elemente der Olympia-Planung umgesetzt

Auch Kiel konnte laut Oberbürgermeister UIf Kämpfer (SPD) einige Ideen aus den Olympia-Plänen erhalten. Die Digitalisierung sei vorangetrieben, Inklusionsprojekte wie barrierefreie Stege umgesetzt worden - doch gerade die Pläne für die baulichen Vorhaben könne die Stadt aus eigenen Mitteln nicht stemmen. Das Olympische Dorf, ein neues Hotel und eine Zuschauermole, von der aus das Segeln live und direkt aus allererster Linie erlebt werden sollte - Visionen, die wieder in der Schreibtisch-Schublade verschwunden sind. Insbesondere die nicht erfolgte Modernisierung des Olympia-Zentrums in Schilksee aus dem Jahr 1972 ist für Kämpfer eine verpasste Chance: "Es hätte uns sicherlich sehr viel Rückenwind gegeben, vieles auch noch mal moderner und neuer zu machen - auch der Segelstandort Kiel wäre gestärkt worden." 

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Kämpfer: "Kiel kann und will Olympia"

Anders als in Hamburg hatten sich die Kieler in einem Bürgerentscheid mit großer Mehrheit für die Ausrichtung der Segelwettbewerbe ausgesprochen. Kämpfer begrüßt außerdem die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nachhaltigere Konzepte zu fördern - vorhandene Sportstätten zu pflegen und weiterzuentwickeln. Kiel kann und will Olympia, so die Botschaft - und würde im Fall einer neuen deutschen Bewerbung gerne erneut den Hut in den Ring werfen. Die jährlich stattfindenden Segelwettbewerbe der Kieler Woche seien übrigens etwa zehn Mal so groß wie die bei den Olympischen Spielen.   

Kritiker glauben an Gegenbewegung im Falle einer neuen Bewerbung

Die Hamburger Initiative NOlympia, die sich 2015 als Gegenbewegung zur Olympia-Euphorie gegründet hatte, glaubt, dass sich bei einer erneuten deutschen Bewerbung wieder eine starke Gegenbewegung formieren werde. "Solange sich das IOC nur ein nachhaltiges Mäntelchen umhängt, die Kosten aber unverändert der öffentlichen Hand aufbürdet und die Gewinne sich selbst zuschanzt, wird es Widerstand gegen Olympia geben", teilt Klas Rühling stellvertretend für das Bündnis auf Anfrage des NDR mit.

Für die Olympia-Kritiker seien alle Reform-Versprechen seitens des IOC ins Leere gelaufen: Korruption, überdimensionierte Großbauten, Verdrängung und steigende Preise für die Stadtbevölkerung seien nach wie vor Nebenwirkungen von Olympischen Spielen. Rühling glaubt, dass in Hamburg ein Olympia-Referendum ähnlich ausgehen würde wie vor neun Jahren - nur noch deutlicher. 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 06.07.2024 | 12:15 Uhr

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