„Wednesday“ von der „Addams Family“ bei Netflix: ein Händchen fürs Morbide

„Wednesday“ von der „Addams Family“ bei Netflix: ein Händchen fürs Morbide

Wednesday ist ein bezopftes Gothgirl in schwarzer, buntestenfalls schwarzweißer Garderobe, die in sieben von acht Episoden der nach ihr benannten Serie nie lächelt, alle Dinge vorzugsweise negativ bis apokalyptisch sieht und sie morbid kommentiert. Das amerikanische Bildungssystem beispielsweise: „Da werden Hunderte Jugendliche in unterfinanzierten Schulen von Leuten angeleitet, deren Träume schon vor Langem begraben wurden.“ Rightyright, das kennt man auch hierzulande.

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Als Wednesday ihren hilflosen Pummelbruder Pugsley, der vom Wasserballteam der Nancy-Reagan-Highschool in einen Spind gesperrt wurde (mit einem Apfel zwischen den Zähnen, als wäre er ein Spanferkel), auf blutige Art rächt, ist ein Schulwechsel unvermeidlich. Ins Bild kommt die Nevermore Academy, ein schaurig schönes Stück Architektur, in dem Gorgonen, Sirenen, Vampire, Werwölfe, telekinetisch oder anders begabte Sonder­humanoide fürs – nun ja – Leben lernen. Zu ihren Schülerinnen zählt ab sofort auch Wednesday, die ähnlich krass zu Visionen neigt wie unsereins zu Spoilern.

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Edgar Allan Poe ist Patron von Wednesdays Schule

Déjà vu möchte man sagen – Nevermore ist ein Institut wie Harry Potters Hogwarts, die Umbrella Academy, die Mutantenschule von Dr. X. oder jüngst die Filmtitel-gebenden Schulgebäude in Netflix‘ zutiefst misslungenem Fantasy-Schmonz „The School for Good and Evil“. „Dort habe ich deine Mama kennengelernt“, schmachtet der romantische Papa Gomez (Luis Guzman) seine bleiche Gattin Morticia (Catherine Zeta-Jones) im Fond der schwarzen Familien­limousine an, die Butler Lurch, der an Frankensteins Monster erinnert, durch ein hübsch gruslig geschmiedetes Portal steuert.

Schulpatron von Nevermore ist nicht von ungefähr der Gruselkönig des 19. Jahrhunderts, Edgar Allan Poe, dessen Werk auch das Schuljahr durchdringt. Die Kanus beim Schulwettkampf sind nach Kurzgeschichten von ihm benannt, der jährliche Ball hier heißt The Raven („Der Rabe“) – nach Poes berühmtem Gedicht über Endgültigkeit, Trauer und Wahnsinn.

Die Addams-Familie begann als Comicclan – und ist Kult

Die nimmermüde, unkaputtbare Addams Family ist zurück, die vor fast 85 Jahren als Comicclan im „New Yorker“ begann, es in den Sechzigerjahren zum TV‑Kult brachte, in den frühen 90ern zwei Kinorealfilme abwarf und zuletzt – 2019 und 2021 – animiert auf die Leinwand zurückkehrte. Jetzt also die Geschichte der Tochter als Serie. Bei den ersten vier Folgen führte Tim Burton Regie, Hollywoods Gothmeister, der spätestens seit dem schrillen „Beetlejuice“ (1988) und dem schauer­romantischen „Edward mit den Scherenhänden“ (1990) ein Händchen fürs Morbide hat. Burton übernahm, so die Legende, weil die Heldin ihn an seine eigene Schulzeit erinnerte.

„Alle deine Fluchtpläne enden hier“, bescheidet Mama Morticia der Tochter. „Du kannst nirgendwohin.“ „Ich werde fliehen, und du wirst mich nie wieder sehen“, erwidert Wednesday ungerührt. Man bekommt eine Ahnung davon, wie schlimm es wohl damals für Burton gewesen sein muss.

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Familiengeheimnisse: Papa Gomez ist immer noch Mord­verdächtiger

Kaum hat die dauergenervte Wednesday das süßliche „Howdy Roomie!“ ihrer in Pink gehüllten Zimmer­gefährtin, der Werwölfin-to-be Enid (Emma Myers) vernommen und sich bei der Schulleiterin Larissa (Gwendoline Christie) und einigen Mitschülern und ‑schülerinnen durch ihre Neigung zu unverblümten Worten hinreichend unbeliebt gemacht, erfährt sie, dass Papa Gomez einst Haupt­verdächtiger bei einem Mordfall während seiner eigenen Schulzeit war und auf der To-do-Liste des Sheriffs von Jericho (Jamie McShane) steht, der 30 Jahre später die Handschellen klicken lassen will.

Und ein Monster aus dem Wald tötet vor Wednesdays Augen den ihr feindselig gesinnten Mitschüler Rowan (Calum Ross) – wobei der Gemeuchelte anderntags von den Toten auferstanden zu sein scheint.

Wednesday auf der Suche nach der Wahrheit

Familiengeschichte vermischt sich mit der Historie des nahen Städtchens Jericho. Dessen allseits verehrter Gründervater Joseph Crackhouse, der eine Statue auf dem Marktplatz bekommen soll, war in Wahrheit – das entnimmt Wednesday ihren Visionen – ein religiöser Eiferer und Sadist, der 400 Jahre zuvor ihre Urahnin Goody Addams als Hexe verbrennen ließ. Als auch noch Wednesdays einziger Freund in Nevermore, der Bienenzüchter Eugene (Moosa Mostafa) im Wald angegriffen wird, will sie die Wahrheit hinter den Geheimnissen von Nevermore ergründen.

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Familiengeschichte vermischt sich mit der Historie des nahen Städtchens Jericho.

Das Eiskalte Händchen stiehlt Jenny Ortega die Show

Jenny Ortega ist sehenswert, wenn ihre Wednesday selbst die romantischen Avancen zweier Verehrer mit dem immergleichen Abwehrblick in den großen Augen zurückweist, wenn sie auf ihrem Cello „Paint It, Black“ von den Rolling Stones spielt oder sich an ihr letztes tragisches Gassigehen mit dem geliebten Skorpion Nero erinnert.

Die Show stiehlt ihr – natürlich – das Eiskalte Händchen, die legendäre körperlose Hand, die seit je bei den Addams’ wohnt, die Schreib­maschine tippt, bei Wednesdays Geburtstagsfeier ein Partyhütchen trägt, mit einem schwarz-weißen Rubikwürfel spielt und Onkel Fester (Fred Armisen) den Zeigefinger ins Ohr steckt. „Wo ist der Rest vom Eiskalten Händchen“, stellt Enid die Frage, die schon Generationen von Addams-Fans beschäftigte. „Das ist eines der großen Addams-Familien­geheimnisse“, lautet Wednesdays Antwort. Aktenzeichen E. H. – ungelöst.

Christina Ricci ist auch an Bord – eine Verbeugung der Serienmacher vor Barry Sonnenfelds beiden „Addams“-Filmen, in denen Ricci zu Beginn ihrer Karriere die kindliche Wednesday spielte. Als Lehrerin Marilyn Thornhill, die einzige „Normie“ (so heißen unmagische Menschen), die in Nevermore unterrichtet, ist sie eine Art Stimme des Mitgefühls im oft empathiearmen Getriebe der magischen Teenager.

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Bei aller Liebe zum Morbiden – die Addams’ waren nie Bösewichte

Freilich zeigen sich am Ende des Gothkrimis, der auch eine Coming-of-Age-Geschichte ist, elementar Menschliches und gefühlige Hollywood­erkenntnisse: Dass gemeinsam alles besser geht, dass hinter Wednesdays „Bleib mir vom Leib“-Habitus und ihren makabren Sprüchen ein Herz aus Gold schlägt. Und dass man vor Familie gar nicht wegrennen muss. „Wenn du mich brauchst“, verkündet Mama Morticia, „ich bin nur eine Kristallkugel entfernt.“

Ganz klar – die Addams’ waren bei aller Meisterschaft im Klopfen makabrer Sprüche, trotz ihrer Faszination für Tod, Tortur und verunglückende Modelleisen­bahnen niemals echte Bösewichte, sondern gutmütige, naive Gruftis. Von den heimeligen Momenten will man dennoch nicht so recht angerührt sein. Man bevorzugt die Wednesday im Angriffsmodus.

Die, die sagt: „Ich begrabe keine Kriegsbeile, ich schärfe sie.“

„Wednesday“, erste Staffel, acht Episoden, Regie: Tim Burton (4), Gandja Monteiro (2), James Marshall (2), mit Jenny Ortega, Hunter Doohan, Emma Myers, Gwendoline Christie, Christina Ricci, Luis Guzman, Catherine Zeta-Jones, Percy Hynes-White (ab 23. November bei Netflix)

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