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Darum ist Thanksgiving das schlimmste Fest der US-Geschichte

Für viele US-Amerikaner ist Thanksgiving wichtiger als Weihnachten. Sie feiern die Gastfreundschaft der indigenen Völker, die ihr Essen mit den ersten Pilgern teilten. Doch in Wahrheit steckt hinter dem Fest alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen.

Ein im Ofen zubereiteter Truthahn mit Füllung, kandierte Süßkartoffeln, Bratensoße, Buttermilchbrötchen und zu guter Letzt ein Kürbiskuchen: Thanksgiving ist einer der wichtigsten Feiertage in den USA. Zu Hause wird wie wild gekocht und aus allen Ecken des Landes reisen Familienmitglieder an, um Zeit mit ihren Verwandten zu verbringen. In der Schule werden wiederum Krippenspiel-artige Theaterstücke vorgeführt, bei denen Kinder in Präriekleidern und mit Federn in den Haaren die ersten Pilger und „Indianer“ nachspielen.

Ein gebratener Truthahn, kandierte Süßkartoffeln und weitere Beilagen stehen auf einem Tisch
Ein gebratener Truthahn darf bei Thanksgiving auf dem Tisch nicht fehlen
Quelle: Getty Images/Tetra images RF/Tetra Images

So wird mit Wort und Tat die „Entdeckung“ der „Neuen Welt“ und das „friedliche Zusammenleben“ zwischen europäischen Siedlern und amerikanischen Ureinwohnern zelebriert. Doch so schön, wie sich das alles anhört, war es damals nicht. Jedes Jahr feiern US-Amerikaner eine kleine Lüge, die die wahre Geschichte des europäischen Kolonialismus verbirgt. Daran muss sich etwas ändern.

Die bekömmliche Version des ersten Thanksgiving

Jahreszahl, Ereignis, Jahreszahl, Ereignis: Oftmals nehmen wir die Vergangenheit als neutralen Wissensstand wahr. Dabei geht es in der Geschichte um das Erzählen von Begebenheiten – und wie bei jeder Erzählung gibt es auch hier zwei Dinge: Das, was gesagt wird und das, was verschwiegen wird. So auch bei Thanksgiving.

Die bekömmlichere Version, die beim modernen Fest jeden Bissen vom Truthahn lecker schmecken lässt, geht so: Vor langer Zeit, wir schreiben das Jahr 1620, verließen knapp 100 Passagiere an Bord der Mayflower ihre Heimat in Plymouth, England. Auf der Suche nach religiöser Freiheit reisten sie nach Nordost-Amerika. Im heutigen Massachusetts gründeten die „Pilgerväter“ die Siedlung Plymouth.

Ein Gemälde von William James Aylward, in dem die Ankunft der ersten Pilger in Nordamerika dargestellt wird
Nach einer langen Seefahrt mit der Mayflower kamen die ersten Pilger im Gebiet des heutigen US-Bundesstaats Massachusetts an
Quelle: Getty Images/Harold M. Lambert/Gemälde von William James Aylward

Den ersten harten Winter überstanden die europäischen Siedler nur mit Mühe. Viele wurden krank und einige starben. Im Frühling trafen die Pilger aber ein Mitglied des Pawtuxet-Volkes. Das zeigte ihnen, wie man Mais anpflanzt, Fische fängt und Sirup aus Ahornbäumen gewinnt. Außerdem half er ihnen, einen Pakt mit den Wampanoag zu schließen. Als Dank wollten die Pilger die Ureinwohner zu einem Festmahl einladen – und so wurde im November 1621 das erste Mal Thanksgiving gefeiert.

Kolumbus und der Anfang des europäischen Kolonialismus in Nordamerika

Soweit Historiker erkennen können, stimmen die Details der traditionellen Thanksgiving-Story. Was bei dieser Erzählung aber einfach ignoriert wird, ist das damalige Zeitalter des europäischen Kolonialismus in Nordamerika. Über Jahrhunderte hinweg wurden indigene Menschen von ihrem Land vertrieben und brutal ermordet.

Mit Christopher Kolumbus (1451-1506) fing es an. Im Jahr 1492 erreichte der italienische Seefahrer – der übrigens seinen eigenen US-Feiertag am 11. Oktober hat, aber das ist nochmals eine Debatte für sich – die Ostküste Nordamerikas. Er dachte, er sei auf den Ostindischen Inseln angekommen und nannte die indigenen Menschen deshalb „Indianer“. Gleich am ersten Tag im neuen Land nahm er sechs der amerikanischen Ureinwohner fest und machte sie zu seinen Bediensteten. Bis heute sagt man, Kolumbus hätte Nordamerika „entdeckt“.

Die Kolumbus-Statue in New York City (USA)
Über den Erhalt von Kolumbus-Statuen wird in den USA heftig diskutiert
Quelle: Getty Images/Jon Hicks
„Manifest Destiny“ und der amerikanische Imperialismus

Spulen wir etwas vor. Anfang des 19. Jahrhunderts versuchten die neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika immer mehr Land zu gewinnen. Im Jahr 1803 kauften die USA beim sogenannten Louisiana Purchase von Frankreich die heutigen Gebiete des Mittleren Westens. Ungefähr 40 Jahre später gewannen die Vereinigten Staaten nach dem Mexikanisch-Amerikanischen-Krieg die südwestlichen Gebiete entlang der Pazifik-Küste.

Durch die massive Expansion wurde die manifest destiny („offensichtliche Bestimmung“) – eine Mischung aus amerikanischem Nationalismus und Imperialismus – zur Ideologie der Vereinigten Staaten. Die amerikanischen Siedler sahen sich als ein von Gott auserwähltes Volk an, dessen Pflicht es sei, den Westen zu erobern.

So expandierten die USA über den ganzen Kontinent

Als die Vereinigten Staaten gegründet wurden, besaßen sie nur einen Bruchteil ihrer heutigen Fläche. In unserer Grafik veranschaulichen wir Ihnen die Expansion von 1783 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Quelle: WELT

Die USA expandieren – und vertreiben dabei zahlreiche indigene Völker

Wer damals nicht in das erträumte Schicksal der US-Amerikaner passte: die Native Americans. Allein im Südosten der USA lebten 125.000 indigene Menschen. Weil weiße Siedler aber dort Baumwolle anbauen wollten, führte 1830 der damalige Präsident Andrew Jackson (1767-1845) den Indian Removal Act („Gesetz zur Entfernung von Indianern“) ein.

Über die nächsten zehn Jahre wurden Creeks, Cherokees und weitere indigene Völker gewaltsam von ihrem Land vertrieben und gezwungen, fast 2.000 Kilometer zur Westseite des Mississippis zu wandern. Allein im Jahr 1838 sind mehr als 4.000 Cherokees auf der Reise gestorben. Die Strecke, die sie gelaufen sind, wurde als „Trail of Tears“ („Pfad der Tränen“) bekannt. 1851 war der Landesdiebstahl komplett: Der US-Kongress führte ein Gesetz ein, das die Gründung von sogenannten „Indianerreservaten“ erlaubte.

Die Idee des friedlichen Zusammenlebens ist nur eine Illusion

Die Thanksgiving-Geschichte ist also problematisch, weil sie die Beziehung zwischen den indigenen Völkern und den europäischen Siedlern in Nordamerika vereinfacht darstellt. Die Idee des friedlichen Zusammenlebens und -arbeitens ist nur eine Illusion. Eine Illusion, die durch das Feiern von Thanksgiving immer wieder bestätigt und gestärkt wird.

Aber warum wird Thanksgiving überhaupt gefeiert? George Washington (1732-1799) war der erste US-Präsident, der zu einem Thanksgiving in den Vereinigten Staaten aufrief. Kurz nach der US-amerikanischen Revolution wollte man die neu gewonnene Unabhängigkeit der USA vom britischen Königshaus in Form eines Erntedankfests zelebrieren.

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Auch einige von Washingtons Nachfolgern kündigten in ihrer Amtszeit Thanksgiving-Feste an. Ein festes Datum gab es aber erst ab 1863, als der 16. US-Präsident Abraham Lincoln (1809-1865) entschied, Thanksgiving solle künftig jedes Jahr am letzten Donnerstag im November stattfinden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde wieder über das Datum diskutiert. Dann wurde es schließlich offiziell: Im Jahr 1941 erklärte Präsident Theodor Roosevelt (1858-1919) Thanksgiving zum Nationalfeiertag.

Ein Land, in dem alle gleich sind – oder nicht?

Aber kommen wir noch mal auf das erste US-Thanksgiving zur Feier der neugewonnenen Unabhängigkeit zurück. In der Declaration of Independence – das Dokument, auf dem die amerikanische Unabhängigkeit beruht – schrieben die Gründerväter der Vereinigten Staaten, sie würden „folgende Wahrheiten als selbstverständlich erachten“:

Dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören
US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung

Doch waren wirklich „alle Menschen“ in den neuen Vereinigten Staaten gleichberechtigt? Wer durfte Freiheit und Recht in den USA genießen? Eins steht fest: Die indigene Bevölkerung durfte es nicht.

Native Americans galten nicht als US-Amerikaner, noch nicht mal als Menschen. Denn die „gnadenlosen wilden Indianer“ hätten laut der Declaration of Independence während des Kriegs dem britischen König gedient und „unschuldige Männer, Frauen und Kinder“ attackiert. Bis 1924 zählten indigene Menschen nicht als Staatsbürger der Vereinigten Staaten.

Durch die vorgestellten Narrative haben sich zwei Stereotypen über die indigene Bevölkerung Nordamerikas bis heute gefestigt: Die Ureinwohner werden entweder als friedliche Nachbarn der ersten Pilger oder als „gnadenlose Indianer“ angesehen. Genauso, wie sie früher von ihrem Land vertrieben wurden, werden Native Americans jetzt aus der US-Geschichte ausgegrenzt.

Die Geschichte der USA muss grundlegend anders erzählt werden
Ein Yurok-Mädchen trägt ein modernes T-Shirt und hält eine Stammesdecke
Indigene Geschichte und Kultur muss mehr Präsenz im Unterricht an US-amerikanischen Schulen finden
Quelle: Getty Images/Justin Lewis

So wie das Thanksgiving-Fest heute zelebriert wird, kann und sollte es nicht in Zukunft zelebriert werden. US-Bürger müssen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen – und zwar nicht die ausgedachte, beschönigte Version ihrer Vergangenheit. Sie müssen sich die Frage stellen, welche Thanksgiving-Traditionen und Gedankenkonstrukte noch zeitgemäß sind.

Hierbei geht es nicht darum, Thanksgiving als Feiertag abzuschaffen. Es geht darum, ehrlich zu sein, Fehler einzuräumen und daraus zu lernen. Auch in Europa, wo Kinder heute noch gerne „Cowboy und Indianer“ spielen, täte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus in Nordamerika gut.

Der beste Startpunkt dafür ist Bildung. Wie in einer Studie des National Congress of American Indians („Nationaler Kongress für amerikanische Ureinwohner“) 2019 herausgestellt wurde, gehört die Geschichte indigener Völker nur in elf aus 27 untersuchten US-Bundesstaaten zum Kurrikulum an öffentlichen Schulen. Es fehlt also eine Erinnerungskultur, mit der die nächsten Generationen über die Ausrottung und Verdrängung der indigenen Bevölkerung aufgeklärt werden. Pilger-Märchen und Festtagsessen reichen da nicht aus.

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