«Die Schweiz hat noch viel zu viele 08-15-Angebote»

«Die Schweiz hat noch viel zu viele 08-15-Angebote»

Optimistisch und zuversichlich zeigten sich Schweiz Tourismus und Seilbahnen Schweiz an der gestrigen Medienkonferenz. Die Hoffnungen auf einen guten Winter sind gross. Ist der Optimimus aber auch berechtigt? Oder viel eher ein Wunsch? Denn die Herausforderungen sind bekanntlich zahlreich.

Da traf es sich gut, dass die Travelnews-Redakion wenige Stunden nach der ST-Medienkonferenz prominenten Besuch in den Redaktionsräumlichkeiten emfpangen durfte. Neun hochkarätige Touristiker, die sich selber «Tourism Oldies» nennen und sich zweimal im Jahr zum Dinner treffen, haben zum Warm-up des Abends bei Travelnews vorbeigeschaut, sich von VR-Präsidentin Vanessa Bay und Chefredaktor Gregor Waser die Eigenheiten und Herausforderungen eines Online-Newsportals erläutern lassen, haben neugierige Frage gestellt und einige gute Tipps und Ideen aufgeworfen.

Doch was denken die erfahrenen Touristiker über die anstehende Wintersaison? Und die Erfolgsaussichten des Ferienlandes Schweiz? Angesichts Energiekrise, Klimawandel, Inflation und fehlenden Fachkräften? Das sagen die Tourismusexperten zur aktuellen Ausgangslage.

Peter Vollmer, SP-Nationalrat 1989 bis 2007, Direktor Verbände öffentlicher Verkehr und Seilbahnen Schweiz: «Nach den pandemischen Rückschlägen wäre es nun eine Chance, sich zu überlegen, wohin will man nach dieser Zäsur. Ich wünschte mir, dass dies von der Branche erkannt würde, statt sich bloss zuversichtlich zu zeigen, jene Zahlen des Jahres 2019 wieder erreichen zu wollen. Das reicht nicht mehr.»

Hansruedi Müller, langjähriger Tourismusprofessor an der Universität Bern: «Der Schweizer Tourismus hat im Moment das Problem, dass sich der Städtetourimus bei weitem noch nicht erholt hat. Der Bergtourismus hat zwei relativ gute Jahr hinter sich, sowohl im Winter wie auch im Sommer. Nun sind die Touristiker sicherlich sehr gespannt, was die kommenden Schnee- und Wetterverhältnisse betrifft, das wird entscheidend sein. In der Tendenz glaube ich aber, dass der Wintertourismus weniger Probleme haben wird als der Sommertourismus, der sich von der Pandemie noch nicht erholt hat.»

Emanuel Berger, von 1970 bis 2007 Direktor des Grand Hotels Victoria-Jungfrau, Interlaken: «Wenn ich an die Resort- und Berghotellerie denke, muss ich sagen, die ist gefordert, insbesonders um die geeigneten Mitarbeitenden halten zu können oder neue zu gewinnen. Zudem sollte die Innovationskraft mit dem Fokus auf den Gast stärker werden als bisher.»

«Der Trend nach Natur, klein, fein, qualitativ hochstehend, der wird bestehen bleiben.»

Peter Keller, von 1973 bis 2008 Leiter der Tourismuspolitik beim SECO: «Makroökonisch sehe ich Premium-Produkte als Antrieb, die Kurve insgesamt wird nicht hinaufgehen. Der Wintertourismus basiert primär auf Binnen- und Familientourismus. Solange es Schnee hat, wird man das halten können. Aber Arbeitskräftereserven sind keine mehr vorhanden, immerhin kann man die von aussen herholen.»

Eva Brechtbühl, Mitglied Schweizer Berghilferat, ehemaliges Mitglied der Geschäftsleitung von Schweiz Tourismus: «Als Berghilfe-Expertin stelle ich fest, wenn ich in den Randgebieten unterwegs bin, dass die sehr gute Buchungen haben. Der Trend nach Natur, klein, fein, qualitativ hochstehend, der wird bestehen bleiben. Aber ich bin dennoch, gesamthaft gesehen, nicht so optimistisch für diesen Winter. Die Hoffnung ist, dass der Schnee kommt.»

Werner Bernet, Reka-Direktor 1997 bis 2011, Stiftungsrat 'Ferien im Baudenkmal': «Der Schweizer Tourismus müsste sich viel mehr in der Nische profilieren. Ich denke da an innovative Hotels, an die Nische Ferien im Baudenkmal, an klimaneutrale Hotels - wir haben noch viel zu viele 08-15-Angebote.»

«In Zukunft wird es wieder ganze viele Leute in die Schweiz ziehen.»

Stephan Kistler, General Manager Hotel Intercontinental / Hotel Crowne Plaza Zürich (1996 bis 2014): «Es wird keine einfache Zeit für die Hotellerie. Neben Inflation, Klimawandel und Fachkräftemangel lasten auch die Energiepreise schwer. Das wird eine grosse Hürde. Da stellt sich die Frage, ob da jeder überleben kann in nächster Zeit.»

Felix Dietrich, Direktor Waldhaus Sils-Maria 1977 bis 2010: «Abgesehen von den Problemen bei Energie, Weltwirtschaft und Fachkräften, sehe ich ein grosses Potenzial für den Schweizer Tourismus und zwar für das ganze Jahr. Unsere Vielfalt und die Möglichkeiten, die die Schweiz in Sachen Tourismus bietet, sind sehr trendig. In Zukunft wird es wieder ganze viele Leute in die Schweiz ziehen. Die Spezialisierung auf gewisse Nischen, die es nicht überall gibt in dieser Form, die wird sehr wichtig bleiben.»

Hanna Rychener Kistler, Direktorin und Inhaberin IST Höhere Fachschule für Tourismus (1992 bis 2021), Verwaltungsrätin Travelnews AG: «Optimismus und Zuversicht prägen zwar den Schweizer Tourismus. Aber es gilt nun schon, mit der Situation sehr sorgfältig umzugehen, mit all den Elementen, die gerade reinspielen. Es wird keinen einfachen Winter geben, denn die Herausforderungen sind so gross wie noch nie.»

(GWA)

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