WM in Katar: Die Schweiz gewinnt gegen Kamerun 1:0

Gefühlssache und Risiko – die Schweizer starten in die WM mit einem Sieg Marke Yakin

Mit dem 1:0 gegen Kamerun gewinnt das Schweizer Team erstmals seit 2016 das erste Spiel einer Endrunde. Zuerst fehlte das Feuer. Aber die Mannschaft fand einen Weg zum Erfolg – mit ihrer Erfahrung und mit der Hilfe des Trainers.

Auch mit Xherdan Shaqiri hatte Murat Yakin ein glückliches Händchen.

Auch mit Xherdan Shaqiri hatte Murat Yakin ein glückliches Händchen.

Laurent Gillieron / Keystone

Da trifft sich die Fussballwelt in Katar, für viele ist manches ungewohnt – aber wenn die Schweizer spielen, ist alles wie üblich. Murat Yakin macht’s möglich.

Noch einmal, nicht zum ersten und letzten Mal: Der Schweizer Nationaltrainer tut, was es braucht, nicht mehr und nicht weniger, in jeder Lebenslage. Und genauso spielte sein Team im ersten WM-Spiel gegen Kamerun.

Die Schweizer siegten 1:0, obwohl sie in der ersten Halbzeit ins Strudeln geraten waren – wobei: Strudeln? «Ich spürte keine Nervosität», sagte Yakin später. Nach dem Spiel schlenderte er übers Feld, gratulierte und dankte links und rechts, gemächlich, als gebe es nichts Selbstverständlicheres.

Es war ein bedeutender WM-Sieg, gewiss, den Yakin schätzt und gerne nimmt. Aber er war so zustande gekommen, wie es zu diesem Trainer passt. Ein Sieg Marke Yakin, «typisch Muri», wie es gerne heisst.

Frei, Cömert, Rieder – drei Einwechslungen, die viel aussagen

Yakin ist ein Gambler, aber es gibt auch Momente, in denen er gar nichts mehr aufs Spiel setzt. Er ist mutig und vorsichtig, und auf diese Weise brachte sein Team den Sieg ins Ziel. In einem Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» sagte er kürzlich: «Jeder Trainer, der nur über die Offensive erzählt, ist für mich ein Blender.»

Wenn Yakin ein Blender wäre, hätte ihn spätestens dieser Sieg entlarvt. So tätigte Yakin drei Wechsel, die allesamt überraschten, aber viel über seine Trainerarbeit erzählen, über diesen Mix aus Wagnis und Sicherheit.

Um den Sieg zu sichern, wechselte Yakin Fabian Frei ein, defensives Mittelfeld, im FC Basel zuletzt Ersatz. Aber der Nationaltrainer kennt ihn schon lange, sie arbeiteten einst gemeinsam im FCB, er weiss, was er an ihm hat.

Da ist es! Das 1. Schweizer Tor an der WM 2022. Danke, Breel Embolo ???? #srffussball #FIFAWorldCup2022 #Qatar2022 @nati_sfv_asf pic.twitter.com/JAlW3pctvQ

— SRF Sport (@srfsport) November 24, 2022

Um den Sieg zu sichern, wechselte Yakin als linken Aussenverteidiger Eray Cömert ein, einen Innenverteidiger. Cömert war der Preis, den Yakin für sein Gambling zahlt. Mit Ricardo Rodríguez hat er nur einen einzigen linken Aussenverteidiger an die WM mitgenommen – und wenn’s Ersatz braucht, findet sich bestimmt jemand.

Und um den Sieg zu sichern, wechselte Yakin auch Fabian Rieder ein, 20 Jahre alt, bisher ohne Länderspiel, Zentrumsspieler, gegen Kamerun im linken Mittelfeld. Ihn kennt Yakin noch nicht lange, am 14. November begegneten sie sich erstmals. Yakin hatte Rieder unter der Woche gesagt, die Konkurrenz im Zentrum sei gross – ob er auch links spielen könne? Vor allem aber war Yakin «extrem beeindruckt» von Rieders Trainingsleistungen, «immer unterwegs, unermüdlich, im höchsten Speed».

Und als brauche es noch ein Fazit, sagte Yakin: «Das ist halt Gefühlssache. Man muss das Spiel beobachten – und dann riskiert man auch ein bisschen etwas.»

Alles richtig gemacht mit Yann Sommer und Xherdan Shaqiri

Yakin hatte eine dominante Schweizer Mannschaft vorhergesagt, was erstaunte, weil er dem Team diesen steten Willen zur Dominanz ausgetrieben hat. Dem Vorgänger Vladimir Petkovic war es vor allem darum gegangen: um dieselbe Angriffsbereitschaft in jedem Spiel. Yakin verlangt etwas mehr Variabilität, er sagt auch: «Jeder Trainer überlegt sich in erster Linie: Wie kann ich gut organisieren und gut verteidigen?»

Ein Abbild von dieser Überzeugung ist die Position von Xherdan Shaqiri, dem kreativsten Schweizer Geist. Bei Yakin ist Shaqiris Platz in der Regel rechts aussen; im Zentrum, wo mehr Freiraum wäre für Shaqiris Ideen, postiert Yakin gerne einen weniger offensiven Spieler.

Und wie kam’s: Shaqiri bereitete das Siegtor von rechts aussen vor. Alles richtig gemacht mit Shaqiri. Alles richtig gemacht auch mit Yann Sommer, dem Goalie, der bis vor kurzem noch verletzt war. Aber Yakin kennt ihn schon lange, sie arbeiteten einst gemeinsam im FCB, er weiss, was er an ihm hat. Und wie kam’s: Sommer bewahrte die Schweizer mehrfach vor einem Rückstand.

Vor der Pause hatten sich die Schweizer wiederholt überrennen lassen, sie waren nichts von beidem, weder Petkovic- noch Yakin-Team, weder dominant noch solid. Ihnen fehlte das Feuer, das sich an der EM 2021 plötzlich entzündet und zum Achtelfinal-Coup gegen Frankreich geführt hatte. Aber es ist eine Qualität dieser Mannschaft: Wenn das Feuer fehlt, hat sie sich und ihre Erfahrung.

Shaqiri absolvierte das 110. Länderspiel, Granit Xhaka das 108., Rodríguez das 101., Haris Seferovic das 90., Sommer das 78., Breel Embolo das 60. – und sie alle hatten auch schon mitgespielt, als die Schweizer letztmals in einem Startspiel siegten, an der EM 2016 gegen Albanien.

«Wir wussten, dass wir mehr machen müssen», sagte Xhaka über die Erkenntnis aus der ersten Halbzeit. Kurz darauf: Schweiz - Kamerun 1:0, Torschütze Embolo, in Kamerun geboren. Embolos Geschichte sei ja bekannt, sagte Yakin. Er kennt ihn schon lange, sie arbeiteten einst gemeinsam im FCB, er weiss, was er an ihm hat. «Ich sagte Breel: Freundschaft bis zum Anpfiff – danach sind es deine Gegner.»

Schweiz – Kamerun 1:0 (0:0)
Al-Janoub Stadium, al-Wakrah. – 39 089 Zuschauer. – Schiedsrichter: Tello (ARG). – Tor: 48. Embolo (Shaqiri) 1:0.
Schweiz: Sommer; Widmer, Akanji, Elvedi, Rodríguez (90. Cömert); Freuler, Xhaka; Shaqiri (72. Okafor), Sow (72. Frei), Vargas (81. Rieder); Embolo (72. Seferovic).
Kamerun: Onana; Fai, Castelletto, N’Koulou, Tolo; Hongla (68. Ondoua), Gouet, Anguissa; Mbeumo (81. Ngamaleu), Choupo-Moting (74. Abubakar), Toko Ekambi (74. Nkoudou).
Bemerkungen: Schweiz ohne Steffen (verletzt). Kamerun komplett. Verwarnungen: 36. Fai. 64. Elvedi. 83. Akanji.

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