Warum protestiert "ihr" nicht gegen Putin?

Erst "Deutsche", jetzt "Russen": Der Rechtfertigungsdruck für Russlanddeutsche angesichts des Ukraine-Kriegs ist groß. Über ein Missverständnis.
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In der Sowjetunion waren sie "Deutsche", hier sind sie "Russen": Der Rechtfertigungsdruck für Russlanddeutsche angesichts des Ukraine-Kriegs ist groß. Über ein Missverständnis.

Demonstranten protestieren vor dem Brandenburger Tor gegen den Krieg in der Ukraine Bei den Solidaritätsdemos für die Ukraine im Frühjahr waren auch Russlanddeutsche unter den Demonstrierenden.
Quelle: dpa

"Wo sind die russischen Menschen, die hier schon seit über 20 Jahren leben? Wo sind deren Stimmen? Wo sind deren Demonstrationen?”: Diese Fragen stellte Natalia Yegorova, Ex-Frau von Vitali Klitschko, zuletzt in einem Interview. Mit dieser Ansicht steht die gebürtige Ukrainerin nicht alleine da. 

Plötzlich ist in Deutschland wieder die Rede von den "Russen", die sich für Russlands Rolle im Ukraine-Krieg verantworten müssen. Doch wer sind diese Menschen überhaupt? Welche Verbindung zu Russland haben sie noch? Und ist die Behauptung, sie würden sich nicht positionieren, richtig?

Wer sind "die Russen"?

Yegorovas Vorwurf hat zunächst ein Begriffsproblem: Denn die Mehrheit der "russischen Menschen, die hier schon seit über 20 Jahren leben", sind keine "Russen" - und verstehen sich in den meisten Fällen auch nicht als solche. In Deutschland leben etwa 3,5 Millionen postsowjetische Migrant*innen und deren Nachkommen - der überwiegende Teil sind russlanddeutsche Spätaussiedler. Sie haben deutsche Vorfahren, die deutsche Staatsbürgerschaft und sprechen Deutsch. Ein Großteil siedelte zudem nicht nur aus Russland nach Deutschland über, sondern auch aus Kasachstan.

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Beitragslänge: 1 min Datum: 11.03.2022

"Die Menschen, die aus Kasachstan kamen und diejenigen, die noch in einem jungen Alter nach Deutschland kamen, die können mit Russland eigentlich relativ wenig anfangen”, erklärt Edwin Warkentin. Er selbst ist Spätaussiedler aus Kasachstan und Leiter des Kulturreferates für Russlanddeutsche in Detmold.

Die meisten sehen sich als Teil der Mehrheitsgesellschaft und für sie ist es nicht notwendig, sich zu kennzeichnen. Auf der anderen Seite wird nun aber eine gewisse Kennzeichnungspflicht von den Menschen aus den postsowjetischen Staaten erwartet, die man als "Russen" liest. 

Edwin Warkentin

Daher beinhalte die Frage "Warum protestiert 'ihr' nicht gegen Putin?" ein grundsätzliches Paradox, erklärt Jannis Panagiotidis, Experte für russlanddeutsche Migrationsgeschichte von der Uni Wien. "Gerade die Russlanddeutschen sind mit dem Anspruch hergekommen, als Deutsche zu leben - und das wurde von ihnen in Deutschland auch erwartet." Nun würde aber auf ihr Anderssein beharrt.

Man geht davon aus, dass das irgendwie alles Russen sind, weil die ja Russisch sprechen. Und die stünden jetzt sozusagen in einer Bringschuld, sich gegen Putin zu positionieren.

Jannis Panagiotidis

Gehen Russlanddeutsche wirklich nicht demonstrieren?

Nicht wenige postsowjetische Migrant*innen empfinden die Aufforderungen, sich positionieren zu müssen, daher als übergriffig und unangemessen. Auch weil der Vorwurf, die Community würde sich nicht gegen Putin und den Krieg stellen, zu kurz gedacht ist.  

"Viele postsowjetische Organisationen hier in Deutschland, die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Vereine und Verbände, die haben sich ganz klar gegen Russlands Krieg positioniert: mit öffentlichen Schreiben und Bekundungen und als Teil der großen, allgemeinen Solidaritätskundgebungen für die Ukraine im Frühjahr, an denen auch Russlanddeutsche und postsowjetische Migrant*innen teilgenommen haben", sagt Natalie Pawlik bei einem Treffen in ihrem Büro. Pawlik ist SPD-Bundestagsabgeordnete, Spätaussiedlerin aus Russland - und Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.

Das alles würde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen: Weil die postsowjetischen Interessenverbände in Deutschland bislang nur wenig Aufmerksamkeit bekommen - aber auch, weil sich die Menschen auf den allgemeinen Protestkundgebungen nicht direkt als Menschen mit postsowjetischem Hintergrund kenntlich machen.

Wie man zu Putins Plänen steht, hängt häufig von Alter und Bildungsstand ab, sagt die Journalistin Ira Peter. Die allermeisten Russlanddeutschen seien gegen den Krieg.

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Wo bleiben die Großdemos?

Es stimmt, dass es bisher abgesehen von einzelnen kleineren Kundgebungen - auch gegen Pro-Putin-Autokorsos - keine öffentlichkeitswirksame, erkennbar russlanddeutsche Großdemo gab. "Anders als etwa vor Kurzem die Demo iranischer Exilant*innen und Kurd*innen gegen das Regime in Teheran”, sagt Panagiotidis. Dafür gibt es - neben dem bereits genannten Aspekt fehlender Identifikation mit Russland - auch andere Gründe.

Das hat zunächst einmal mit der Spezifik der iranischen Exilcommunity zu tun, wo es tatsächlich viele politische Emigranten und politische Flüchtlinge gibt, die in stärkerem Maße politisch motiviert und politisch aktiv sind.

Jannis Panagiotidis

Dass der Widerstand der Community häufig subtiler stattfindet, hängt zum Teil auch mit der Geschichte russlanddeutscher Minderheiten in der Sowjetunion zusammen, erklärt Albina Baumann, stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland: "Wer hat die Zwangsarbeit unter Stalin im Zweiten Weltkrieg überlebt? Diejenigen, die das Leid schweigend ertragen habe. Wer hat später weniger Probleme mit der sowjetischen Autorität gehabt? Diejenigen, die ihre christlichen Bräuche und die deutsche Sprache heimlich im Privaten gelebt haben. Das hat unsere Leute geprägt."

Vor allem die ältere russlanddeutsche Generation lebe seit jeher eher zurückgezogen und packe lieber in der Hilfe für geflüchtete Menschen an, als Demos zu organisieren, so Baumann. Denn gerade die russischsprachige Community in Deutschland bringt sich ein in der Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine: beim Übersetzen oder dem Ausfüllen von Anträgen, bei der Wohnungs- oder Jobsuche, bei Arztbesuchen.

Wir erleben eine neue Art der Willkommenskultur von Menschen mit Wurzeln in postsowjetischen Staaten.

Edwin Warkentin

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Das Problem mit der Sichtbarkeit

"Diese Menschen tun gerade wirklich viel dafür, dass diese Gesellschaft zusammenhält", fasst Pawlik zusammen. "Trotzdem bleiben sie in der Öffentlichkeit oft unsichtbar, weil das Engagement und auch die Positionierung subtiler passiert als in Form einer Groß-Kundgebung."

Doch gerade in der jüngeren postsowjetischen Generation treten gerade viele Menschen heraus aus der Unsichtbarkeit - um dem einseitigen, oft vorherrschenden Klischee des Putin getreuem Autokorso-Russen etwas entgegenzusetzen. Aber auch, um Solidarität mit der Ukraine zu bekunden. 

Ich sehe, dass sich gerade jetzt viel mehr dieser Menschen auch zu Wort melden und nicht zulassen, dass nur über sie berichtet wird - sondern dass sie selbst etwas zu sagen haben und das auch äußern.

Natalie Pawlik

Diese Öffentlichkeits- aber auch Kulturarbeit sorge für mehr Sichtbarkeit als früher, so Pawlik.

Davon profitieren am Ende nicht nur Russlanddeutsche, sondern auch andere postsowjetische Communitys. Etwa jüdische Kontingentflüchtlinge, die angesichts des Ukraine-Kriegs oft denselben Rechtfertigungsdruck erleben. Und nicht zuletzt Spätaussiedler sowie andere Gruppen aus der Ukraine selbst - die in Deutschland ebenfalls seit Jahrzehnten als "die Russen" gelesen wurden. Ein Vorwurf, der viele von ihnen angesichts der aktuellen Lage besonders schmerzen dürfte.

Katja Belousova ist selbst Teil einer russlanddeutschen Familie und wurde in Russland geboren. Wenn sie nach "ihrem" Präsidenten gefragt wird, verweist sie stets auf Schloss Bellevue.

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