News zum Russland-Ukraine-Krieg: Das geschah in der Nacht zu Freitag (25. November)

Krieg in der Ukraine Raketentreffer in Cherson, Selenskyj beschwört Rückeroberung der Krim

Die Ukraine benötigt mehr Geld für den Wiederaufbau. Präsident Selenskyj lobt den Widerstandsgeist der Bevölkerung. Und: Belarus will nicht direkt in den Krieg eingreifen. Die wichtigsten Entwicklungen.

25.11.2022, 04.51 Uhr

Ukrainische Soldaten in Cherson

Ukrainische Soldaten in Cherson

Foto: Bernat Armangue / dpa
Was in den vergangenen Stunden geschah

Die Zahl der Opfer des russischen Beschusses auf die südukrainische Stadt Cherson ist noch einmal nach oben korrigiert worden. So sind am Donnerstag nach regionalen Behördenangaben sieben Menschen getötet und etwa 20 verletzt worden. Die erst kürzlich durch ukrainische Truppen befreite Stadt sei mit Artillerie und Mehrfachraketenwerfern beschossen worden, teilte Gebietsgouverneur Jaroslaw Januschewytsch mit.

Ein Hochhaus habe durch den Beschuss Feuer gefangen, ein Geschoss sei auf einem Kinderspielplatz eingeschlagen. »Der heutige Tag ist eine weitere schreckliche Seite in der Geschichte unserer Heldenstadt«, schrieb der Gouverneur auf Telegram. In ersten Berichten war von vier Toten die Rede gewesen.

Unter dem Druck ukrainischer Angriffe hatten russische Truppen Cherson und ihren Brückenkopf auf dem nordwestlichen Ufer des Dnipro Mitte November geräumt. Die Russen halten aber Stellungen auf dem anderen Ufer des Flusses und setzen von dort ihre Artillerie ein. Die Lage in der Stadt gilt als äußerst schwierig. Die ukrainischen Behörden haben Zivilisten angeboten, Cherson zeitweise zu verlassen.

Dem ukrainischen Finanzminister Serhij Martschenko zufolge wird die Ukraine mehr finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau des Landes benötigen. »Leider wächst die Zahl jeden Tag und wird im schlimmsten Fall noch erheblich steigen«, erklärte Martschenko in einer E-Mail. Der derzeitige Haushalt sehe nur wenig für den Wiederaufbau vor und müsse aufgestockt werden. Die Unterstützung durch unsere internationalen Partner ist für uns von entscheidender Bedeutung«, sagte der Minister mit Verweis auf die von der EU bereits zugesagten 18 Milliarden Euro. Im August schätzte die Weltbank die Kosten für die Instandsetzung der ukrainischen Infrastruktur noch auf 105 Milliarden Dollar.

Das sagt Kiew

Neun Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Widerstandsgeist seines Landes beschworen. »Wir haben neun Monate lang einen umfassenden Krieg überstanden, und Russland hat keinen Weg gefunden, uns zu brechen. Und es wird keinen finden«, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. »Wir müssen so weitermachen wie jetzt gerade, in Einigkeit und gegenseitiger Hilfe.«

Selenskyj sagte, wie schwierig die Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung nach dem schweren Raketenangriff vom Mittwoch sei. »Russland will nicht nur, dass die Ukrainer ohne Strom und Wärme sind«, sagte er in Kiew. »Die Terroristen wollen uns voneinander isolieren und dafür sorgen, dass wir einander nicht spüren.«

Wolodymyr Selenskyj (am 24. November)

Wolodymyr Selenskyj (am 24. November)

Foto: Albert Zawada / dpa

Die Angriffe auf zivile Ziele seien »die Rache derjenigen, die verloren haben«, sagte der Präsident. »Sie wissen nicht, wie man kämpft. Das Einzige, was sie tun können, ist zu terrorisieren. Ob Energieterror, Artillerieterror oder Raketenterror – so tief ist Russland unter seiner derzeitigen Führung gesunken.« Nur die Befreiung des gesamten Landes und verlässliche Sicherheitsgarantien könnten die Ukrainer dauerhaft vor der Bedrohung durch Russland schützen.

Selenskyj hält trotz westlicher Skepsis an einer Befreiung der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim als Kriegsziel fest. Das sagte er der britischen Zeitung »Financial Times« nach Angaben vom Donnerstag. »Ich kann verstehen, dass jeder verwirrt ist in dieser Lage und was aus der Krim wird«, wurde er zitiert.

»Wenn uns jemand einen Weg aufzeigt, wie die Besetzung der Krim mit nicht-militärischen Mitteln beendet werden kann, dann werde ich sehr dafür sein«, sagte Selenskyj der Zeitung. Wenn ein Vorschlag aber bedeute, dass die Krim besetzt und Teil Russlands bleibe, »sollte niemand darauf seine Zeit verschwenden. Das ist Zeitverschwendung.«

Westliche Unterstützer der Ukraine gehen davon aus, dass diese irgendwann die von Russland seit dem 24. Februar besetzten Gebiete sowie den Donbass zurückerobern kann. Sie sind aber vorsichtiger bei der Krim: Die Halbinsel sei für Moskau strategisch und symbolisch so wichtig, dass eine Eskalation des Krieges zu befürchten sei.

Bei Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew im Frühjahr zu Beginn des Krieges stand im Raum, die Frage der Zugehörigkeit der Krim auf einige Jahre zu vertagen. Bestärkt durch ihre militärischen Erfolge verfolgt die Kiewer Führung nun aber das Ziel, alle abgetrennten Gebiete der Ukraine zurückzuerobern.

Das sagt Moskau

Russland wies jegliche Verantwortung für Zerstörungen in Kiew zurück. »Nicht ein einziger Schlag« sei innerhalb Kiews erfolgt, behauptete das russische Außenministerium am Donnerstag. Jedwede Zerstörung sei das Ergebnis von Raketen, die »ausländische und ukrainische Luftabwehrsysteme« von bewohnten Gebieten der ukrainischen Hauptstadt aus abgeschossen hätten. Das Ministerium sprach allerdings von »massiven Schlägen« auf die »Militärführung der Ukraine« und »damit verbundene Energieeinrichtungen«.

Energieversorgung in der Ukraine

Nach den russischen Angriffen sind Teile der Hauptstadt Kiew und andere Regionen im Land zunächst weiterhin ohne Zugang zu Strom und fließendem Wasser. Mehr als zwei Drittel Kiews seien noch von der Stromversorgung abgeschnitten, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko.

In rund 15 Regionen gebe es Probleme mit der Strom- und Wasserversorgung, sagte Präsident Selenskyj. »Die Stromversorgung bleibt in fast allen Regionen schwierig«, erklärte er. Stündlich könnten jedoch weitere Haushalte wieder mit Strom beliefert werden.

Auch in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, im Osten des Landes, gab es nach Angaben des örtlichen Regionalgouverneurs Probleme mit der Elektrizität und »Strom-Notabschaltungen«. Nach »sehr schwierigen« Arbeiten sei die Stromversorgung am Donnerstag wiederhergestellt worden, sagte Bürgermeister Igor Terechow.

Etwa die Hälfte der ebenfalls im Zentrum gelegenen Region Dnipropetrowsk verfüge über Strom, gab deren Gouverneur Valentin Resnitschenko an. Er warnte, dass es Shutdowns geben werde, um das Stromnetz zu entlasten. Auch in anderen Landesteilen, darunter die Regionen Riwne, Tscherkassy, Kirowograd und Schytomir, liefen Reparaturarbeiten.

Internationale Reaktionen

Der autoritäre belarussische Staatschef Alexander Lukaschenko schließt einen direkten Einsatz seiner Armee im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine aus. »Wenn wir uns unmittelbar mit den Streitkräften, mit Soldaten in diesen Konflikt einmischen, tragen wir nichts bei, wir machen es nur noch schlimmer«, sagte Lukaschenko nach einer Meldung der Agentur Belta vom Donnerstag in Minsk auf Fragen russischer Journalisten.

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Lukaschenko schließt Einsatz seiner Armee gegen die Ukraine aus

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Die seinen Angaben nach 35.000 bis 40.000 Mann starke belarussische Armee werde für Russland das Problem dieses Feldzugs nicht lösen. »Wir mischen uns nicht ein, wir töten niemanden, wir schicken keine Soldaten dorthin, weil es nicht nötig ist«, sagte Lukaschenko. Belarus unterstütze Russland, seine Rolle sei aber eine andere.

Lukaschenko hat sein Land als Aufmarschgebiet für russische Truppen zur Verfügung gestellt. Russische Luftangriffe auf die Ukraine werden von dort aus geflogen. Nach Materialverlusten der russischen Armee stellt Belarus Panzer und andere Waffen zur Verfügung. Die Ukraine betrachtet das Nachbarland deshalb als Kriegspartei und hält auch Truppen in Reserve für den Fall, einen direkten Angriff aus Belarus abwehren zu müssen.

Lukaschenko trat für Friedensgespräche zwischen Moskau und Kiew ein. Er behauptete aber, Polen und die USA hinderten die Ukraine an Verhandlungen.

Der britische Außenminister James Cleverly will bei seinem geplanten Besuch in der Ukraine weitere Unterstützung in Höhe von mehreren Millionen Pfund zusagen. Laut einer am frühen Freitag veröffentlichten Erklärung seines Büros sollen die Gelder sicherstellen, dass das Land die praktische Hilfe erhält, die es über den Winter braucht. »Großbritannien steht an der Seite der Ukraine. Unsere Unterstützung wird so lange bestehen bleiben, bis sich dieses bemerkenswerte Land wieder erholt hat«, so Cleverly.

Der Minister wird auf seiner Reise auch Präsident Selenskyj und Außenminister Dmytro Kuleba treffen. Cleverlys Besuch erfolgt nur wenige Tage nachdem Großbritanniens neuer Premierminister Rishi Sunak in Kiew war. Sunak versprach bereits, die entschlossene Unterstützung seines Landes für die Ukraine fortzusetzen.

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