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Corona: Sind Lockerungen für Geimpfte medizinisch sinnvoll?

Deutschland plant Lockerungen der Corona-Beschränkungen für Geimpfte. Damit könnten sie etwa bei der Nutzung der Außengastronomie oder bei Einreisen mit Genesenen und tagesaktuell Geimpften gleichgestellt werden.

Stand: 03.05.2021 11:00 Uhr

Deutschland plant Lockerungen der Corona-Beschränkungen für Geimpfte. Damit könnten sie etwa bei der Nutzung der Außengastronomie oder bei Einreisen mit Genesenen und tagesaktuell Geimpften gleichgestellt werden.

Zwei Wochen nach der zweiten Dosis gelten Geimpfte als optimal geschützt. Eine höhere Sicherheit könne die Medizin nicht bieten, betonen Experten. Deshalb sei es auch absolut gerechtfertigt, vollständig Geimpften mindestens die Möglichkeiten zu eröffnen, die Ungeimpften mit einem tagesaktuellen Antigen-Test zur Verfügung stehen. Dazu gehören zum Beispiel Friseurtermine oder der Besuch einer Außengastronomie. Da Antigen-Tests bei Menschen mit einer geringen Viruslast und ohne Symptome die Infektion oft nicht erkennen, geht von Geimpften sogar ein deutlich geringeres Risiko aus als von getesteten Ungeimpften.

Geimpfte im Fall einer Infektion offenbar weniger ansteckend

Immer mehr Studien zeigen zudem, dass die Impfung nicht nur sehr gut vor der Erkrankung schützt, sondern auch vor der Infektion an sich. Laut neuester Studien aus Großbritannien übertragen Geimpfte selbst dann weniger Viren, wenn sie sich doch einmal infizieren sollten. So ging die Ansteckungsrate in Familien nach der Impfung um 40 bis 60 Prozent zurück. Eine Studie aus Israel hatte zuvor bereits gezeigt, dass selbst bei einer Infektion im Rachenabstrich von Geimpften 60 bis 90 Prozent weniger Viren gefunden wurden als bei Ungeimpften. Das bedeutet, dass auch die Übertragungswahrscheinlichkeit auf andere sehr viel geringer ist als ohne Impfung.

Schutz nach Impfung baut sich langsam auf

Schon in den Tagen und Wochen nach der ersten Impfdosis lernt das Immunsystem kontinuierlich, wie es eindringende Viren abwehren und den Körper immer besser schützen kann. Die erste Impfung konfrontiert die Immunabwehr das erste Mal mit einem völlig neuartigen Eindringling. In den ersten Stunden reagiert nur das angeborene Immunsystem: Die Fresszellen erkennen den unbekannten Eindringling, zerstören die infizierte Zelle und präsentieren deren Eiweißbruchstücke auf ihrer Oberfläche. Etwa 16 Stunden später wird auch das spezifische Immunsystem aktiv: Sogenannte B-Zellen docken an den präsentierten Eiweißen an und bilden passende Antikörper, die auch echte Coronaviren erkennen und deren Eindringen in die Körperzelle verhindern können. Jeden Tag werden mehr, unterschiedlich wirksame Antikörper produziert.

Nach etwa 14 Tagen sind ausreichend Antikörper vorhanden

Nach etwa 14 Tagen sind ausreichend Antikörper vorhanden, um den Geimpften zumindest vorübergehend immun zu machen. Nach fünf bis sechs Tagen bekommen die Antikörper noch Unterstützung durch T-Zellen. Sie docken an die Corona-Proteine der Fresszellen an und bilden Stoffe, die weitere bereits infizierte Körperzellen zerstören. Nach etwa zwei Wochen geht die Zahl der T-Zellen und Antikörper zurück, doch die sogenannten Gedächtniszellen bleiben bestehen. Sie erkennen bei einem neuen Kontakt mit dem Virus den Angreifer und mobilisieren sehr schnell eine passende Abwehr.

Bei der Zweitimpfung, oder wenn er schon während dieser Zeit mit dem echten Virus in Kontakt kommt, benötigt der Körper nicht mehr zwei Wochen, sondern nur wenige Stunden oder Tage, um passende Antikörper zu produzieren. Sie eliminieren das Virus, bevor es sich im Körper vermehren kann. Und beim nächsten Kontakt geht es noch schneller.

Kleines Restrisiko für Corona-Infektion bleibt

Unter vollständig Geimpften gelten Kontakte daher als weitgehend gefahrlos, was eine Lockerung der Regeln zum Beispiel in durchgeimpften Heimen erlaubt. Allerdings besteht ein kleines Restrisiko, sich erneut zu infizieren und das Virus auch weiter zu verbreiten, denn nicht bei jedem wirkt die Impfung gleichermaßen. Vor allem bei Älteren oder Vorerkrankten ist die Immunantwort oft nicht so gut wie bei Jüngeren. Und es ist noch nicht genau geklärt, wie lange der Schutz anhält. Darum ist weiter Vorsicht anzuraten.

Vorerst kein Verzicht auf Mundschutz und Abstand

In Deutschland hat erst rund ein Viertel der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten und nicht einmal zehn Prozent sind vollständig geschützt. Zugleich sind die Fallzahlen sehr hoch und die für die Versorgung schwerer Covid-19-Fälle geeigneten Intensivbetten nahezu ausgelastet. Das bedeutet, dass alle noch nicht Geimpften derzeit ein sehr hohes Risiko tragen. Deshalb ist eine vollständige Aussetzung der Schutzmaßnahmen aktuell noch nicht möglich und die Geimpften müssen aus Solidarität mit den jüngeren und mittelalten Menschen in der Öffentlichkeit und in Anwesenheit Nicht-Geimpfter weiter einen Mund-Nasen-Schutz tragen und Abstand halten.

Das wird sich erst ändern, wenn die Fallzahlen deutlich niedriger sind, nur noch wenige Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern liegen und mindestens 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind.

Prof. Dr. Hajo Zeeb, Epidemiologe, Leiter Abteilung Prävention und EvaluationLeibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS GmbHAchterstraße 30 28359 Bremenwww.bips-institut.de

Prof. Dr. Reinhold Förster, Immunologe Institut für ImmunologieMedizinische Hochschule HannoverCarl-Neuberg-Straße 130625 Hannoverwww.mhh.de

Prof. Dr. rer. nat. Britta Eiz-Vesper, Leitung Forschung & EntwicklungInstitut für Transfusionsmedizin und Transplantat EngineeringMedizinische Hochschule HannoverCarl-Neuberg-Straße 130625 Hannoverwww.mhh.de

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