Giftschlangen in Kroatien: Schlangenfänger helfen

23 Tage vor
Kroatien

Wenn Darko und Vlado unterwegs sind, muss es meist schnell gehen. Obwohl sie ohne Blaulicht und Eskorte unterwegs sind, würde sich kaum jemand trauen, die beiden aufzuhalten. Denn Darko Karamazan und Vlado Lađarević sind die einzigen zertifizierten Schlangenfänger Kroatiens. Heute geht die Reise vom Sitz ihres "Vereins der Schlangenfänger" in Slavonski Brod im Osten Kroatiens quer durchs Land in den knapp 400 Kilometer entfernten Ort Perušić. Ein Einwohner hat dort eine Schlange in seiner Scheune gesehen und glaubt es sei eine Giftschlange. "Es handelt sich vermutlich um eine Hornotter, die gefährlichste Schlange Kroatiens. Davon gibt es viele in der Gegend", meint Vlado, diplomierter Zootechniker und passionierter Schlangenfänger.

Er und sein Kollege haben vor einigen Jahren den Verein der Schlangenfänger ins Leben gerufen, der als einziger eine Spezialgenehmigung des zuständigen Ministeriums hat, Schlangen umzusiedeln. Ihre Arbeit finanziert sich einerseits aus Spenden, andererseits müssen die Gemeinden, in denen die beiden Schlangen fangen, für Darkos und Vlados Einsatz zahlen. Alle Schlangenarten in Kroatien stehen unter strengem Naturschutz und es ist verboten, sie zu stören, zu fangen oder gar zu töten, egal ob es sich um eine der zwölf ungiftigen oder drei giftigen Schlangenarten handelt.

Drei Arten Giftschlangen in Kroatien

Neben der Hornotter (Vipera ammodytes) kommen in Kroatien noch zwei weitere Giftschlangenarten vor: die Kreuzotter (Vipera berus) sowie die Wiesenotter (Vipera ursinii). "Nicht jeder Schlangenbiss ist gefährlich. Sie geben oft nur einen trockenen Biss ab, um ihren Gegner zu erschrecken und zu verjagen", weiss Darko Karamazan. Und der muss es wissen, denn Darko ist schon seit mehr als 40 Jahren Schlangenfänger. "Angefangen hat das alles, als ich sieben Jahre alt war. Damals hat in unserem Dorf Šumeć fast jeder Giftschlangen gefangen. Vertreter der Pharma- und Kosmetikindustrie aus ganz Jugoslawien kamen damals ins Dorf, um uns die Giftschlangen abzukaufen. Zehn D-Mark gab es pro Schlange, das war 'ne Menge Geld", erinnert sich Darko.

Angefangen hat das alles als ich sieben Jahre alt war. Damals hat in unserem Dorf Šumeć fast jeder Giftschlangen gefangen.

An guten Tagen habe er mehr als 50 Kreuzottern gefangen. Obwohl einige seiner Kollegen bei diesen Aktionen auch mal gebissen wurden, hatte Darko selbst bisher immer Glück. "Mein Nachbar bekam einen Biss ab, weil er ausrutschte und die Schlange sich erschrak. War aber halb so wild - er setzte sich unter einen Baum und wartete eine Stunde ab. Außer einer kleinen Schwellung passierte nichts weiter, es war also ein 'trockener Biss', bei dem die Schlange kaum Gift abgibt. Mein Nachbar ist danach aufgestanden und hat weiter Schlangen gefangen. Bei einem anderen Kollegen ging's jedoch nicht so glimpflich ab. Nach dem Biss war er komplett gelähmt, nur noch die Augen konnte er bewegen. Im Krankenhaus bekam er Gegengift und nach einigen Tagen hat er sich dann erholt."

Gegengift-Produktion in Kroatien eingestellt

Das Gegengift wurde damals noch in Jugoslawien, später im unabhängigen Kroatien am Institut für Immunologie in Zagreb produziert, allerdings nur bis 2013. In dem 1893 gegründeten Institut wurden über Jahrzehnte hochwertige Bakterien- und Virusimpfstoffe sowie Gegengifte hergestellt, die oft auch für den Export bestimmt waren. Dennoch hat der Staat es versäumt, in das Institut zu investieren und es zu modernisieren. Irgendwann entsprach die Ausstattung nicht mehr modernen Standards und so wurde die Produktion von Gegengiften kurzerhand eingestellt, und das obwohl man pro Jahr mehrere zehntausend Dosen z.B. an das türkische Verteidigungsministerium lieferte. Im Moment muss Kroatien das Gegengift aus dem Ausland importieren und zahlt pro Dosis etwa 3.000 Euro.

"Das Gegengift, das wir hier aus dem Gift unserer Hornotter produziert haben, war wirksam gegen alle im Mittelmeerraum vorkommenden Giftschlangen. Es war ein mehr als hochwertiges Produkt. Obwohl das Haltbarkeitsdatum unserer letzten Charge 2018 abgelaufen ist, haben unsere Tests gezeigt, dass es immer noch hochwirksam ist", sagt Hrvoje Šindler, Tierarzt und Leiter der Abteilung für Antiserumproduktion des Instituts für Immunologie.

Herrschte in seiner Abteilung früher reges Treiben, ist Šindler heute zum Hüter eines Museums geworden. Die Produktion steht seit mehr als zehn Jahren still, so dass Šindler und seine rund 15 Angestellten lediglich die Ausstattung warten und sich um die Versuchstiere kümmern. Aus besseren Zeiten sind unter anderem sechs Pferde übergeblieben, mit deren Hilfe man einst Antikörper für das Gegengift gewonnen hat, aber auch ein gutes Dutzend Hornottern sowie eine Mäusezucht, die als Schlangennahrung dient.

Will man Gegengift herstellen, ist das ein langwieriger Prozess - die Schlangen müssen "gemolken" werden, das so gewonnen Gift wird dann getrocknet und aufbewahrt, um bei Bedarf verdünnt und den Pferden gespritzt zu werden. Die Pferde bilden daraufhin im Blut Antikörper, die extrahiert und konzentriert werden. Daraus wird letztendlich das Antivenin oder Gegengift hergestellt.

Umdenken: Gegengift wieder in Kroatien herstellen

Doch das Gegengift hat man über zehn Jahre lang gerade nicht mehr in Kroatien hergestellt, sondern importiert. Nach Jahren des Stillstands hat der kroatische Staat die Wiederbelebung des Instituts für Immunologie zum strategisch wichtigen Projekt erklärt. Denn nicht nur Gegengifte sollen dort wieder hergestellt werden, auch die Produktion von Impfstoffen soll auf den neuesten Stand gebracht und wieder hochgefahren werden. Die Covid-Krise hat Vertretern der kroatischen Regierung deutlich vor Augen geführt, wie wichtig ein solches Institut und die Selbstversorgung im Krisenfall ist. Doch bis die Produktion von Gegengiften in Kroatien wiederaufgenommen wird, könnten noch einige Jahre vergehen.

Mit Fanghaken und Holzkiste Giftschlangen auf der Spur

Darko und Vlado kümmert das herzlich wenig, denn ihre Devise lautet in jedem Fall: gar nicht erst beißen lassen. So auch diesmal, denn mittlerweile sind sie der Schlange in Perušić auf die Spur gekommen - tatsächlich eine giftige Hornotter, die sich in einem Schuppen verkrochen hat. Manchmal kommen Schlangen auf der Suche Mäusen und Ratten in Schuppen, Ställe und sogar Häuser. "Ich hätte ehrlich gesagt lieber eine Schlange im Haus als Mäuse. Die sind viel gefährlicher, wegen der vielen Krankheiten, die sie übertragen können", sagt Vlado, während Darko mit gekonntem Griff und einem Fanghaken die Hornotter in eine Holzkiste bugsiert. "Schlangen würden niemals einen Menschen zuerst angreifen. Es sind äußerst scheue Tiere, die eher das Weite suchen und nur dann angreifen, wenn sie in die Enge getrieben werden. Wir müssen bedenken, dass nicht sie in unseren Lebensraum kommen, sondern wir uns in ihrem Lebensraum ausgebreitet haben", sagt Darko, während er die Holzkiste mit der Hornotter verschließt.

Schlangen würden niemals einen Menschen zuerst angreifen. Es sind äußerst scheue Tiere, die eher das Weite suchen und nur dann angreifen, wenn sie in die Enge getrieben werden.

Die beiden müssen die Schlange noch fotografieren, die GPS-Daten des Fangortes und andere Daten aufnehmen, die als Bericht für jede umgesiedelte Schlange an das Umweltministerium gehen. Danach muss die Schlange in sicheren Abstand, aber gleichzeitig in einem definierten Umkreis von mehreren hundert Metern vom Fangort wieder freigelassen werden. "Die Schlangen kommen in der Regel nicht mehr zurück, die haben genug, wenn sie dem Menschen einmal begegnet sind. Die hier hatte Glück, denn der Besitzer hat uns benachrichtigt. Viele Menschen hätten die Schlange einfach erschlagen und weggeworfen. Egal ob giftig oder nicht, jedes Tier hat seinen Platz in der Natur und eine Aufgabe, die es erfüllt", sagt Vlado. Es mache ihn traurig, wenn Menschen die Schlangen einfach töten würden. Deshalb veranstalten er und Darko auch oft Workshops in Schulen, um die Menschen darauf hinzuweisen, welche wichtige Rolle Schlangen in der Natur spielen und deshalb auch streng geschützt sind.

Giftschlangen: Tipps für Touristen

Es bleibt ein mulmiges Gefühl, wenn man einer Schlange über den Weg läuft - denn man erkennt als Laie ja nicht so ohne weiteres, ob es sich um ein giftiges Exemplar handelt oder nicht. Muss man sich als Tourist in Kroatien fürchten und wie sollte man sich bei einer Begegnung mit einer Schlange verhalten? "Quatsch" meint Vlado, "Experten schätzen, dass wir lediglich 10 Prozent der Schlangen, die uns umgeben, überhaupt jemals zu Gesicht bekommen. Die flüchten oder verstecken sich, sobald sie uns bemerken." Doch Darko mahnt zur Vernunft: "Man sollte schon gesunden Menschenverstand walten lassen und nicht gerade in Flipflops durch Gegenden laufen, wo Schlangen leben oder mit den Händen in am Boden liegendes Laub oder Äste greifen und auch keine Steine umdrehen. Und wenn man trotzdem mal einer Schlange begegnen sollte - einfach aus dem Weg gehen. Denn die hat mit Sicherheit mehr Angst vor Ihnen als Sie vor ihr."

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