Absturz von Jan Ullrich: „Ich war nicht weit weg vom Tod“

Jan Ullrich

Der frühere Radprofi Jan Ullrich hat Fehler im Umgang mit seiner Doping-Vergangenheit eingeräumt und über seine Alkohol- und Drogen-Exzesse nach der Karriere gesprochen. „Auf Mallorca damals war ich nicht weit weg vom Tod“, erzählt der 49 Jahre alte Ullrich im Interview mit dem „Stern“ mit Blick auf Partys in seiner Finca: „Aus Wein wurde Whiskey. Erst eine Flasche am Tag, später bis zu zwei. Es war ein einziges Betäuben.“

In dieser Zeit habe sich seine Finca zum „Party-Place“ entwickelt: „Zum Anziehungspunkt für zwielichtige Typen. Irgendwann brachte einer Kokain mit. Zusammen mit dem Whiskey ist das ein explosives Gemisch.“ Am Ende folgte der Absturz – „so tief, tiefer ging es nicht“.

Geholfen bei seiner Rückkehr in ein geregeltes Leben habe ihm auch sein ehemaliger Rivale Lance Armstrong: „Lance war mir eine große Hilfe, ein treuer Freund, jemand, der verstanden hat, wie es mir in meinen dunklen Stunden ging, weil er vieles von dem, was ich durchgemacht habe, selbst erlebt hat.“ Armstrong sei zu ihm in die Klinik nach Deutschland gereist.

„Ich habe die Schuld bei mir gesucht“

Zum Umgang mit seiner Doping-Vergangenheit sagte er: „Aus heutiger Sicht hätte ich reden sollen. Es wäre für einen kurzen Moment sehr hart geworden, aber danach wäre das Leben leichter gewesen.“ Für den Satz „Ich habe gedopt“ habe ihm stets die Kraft gefehlt. Auch im jüngsten Interview spricht Ullrich nur indirekt über die Einnahme von verbotenen Mitteln oder Methoden.

Der Frage, wann er mit dem Doping begann, weicht er aus: „Als ich 1995 zum Team Telekom kam, dachte ich anfangs, ich müsste noch härter trainieren, weil alle anderen so stark waren“, sagt Ullrich: „Ich habe die Schuld bei mir gesucht. Aber ich habe ziemlich schnell gelernt, dass Doping weit verbreitet war.“ Ohne nachzuhelfen, so damals die weit verbreitete Wahrnehmung, sei das, als würde man mit einem Messer bewaffnet zu einer Schießerei kommen. Zur Organisation des Dopings im Team Telekom, zu damaligen Abläufen oder Hintermännern wird Ullrich, der 1997 als bislang einziger Deutscher die Tour de France gewann, im Interview nicht befragt.

Ullrich vermittelte zuletzt den Eindruck, dass es ihm besser geht. Auf Instagram teilte er Beiträge, die ihn auf dem Rennrad zeigen. Das Interview erscheint kurz vor weiteren geplanten Veröffentlichungen zu Ullrichs Person. Für den 28. November ist eine Dokumentation beim Streaming-Dienst „Amazon Prime Video“ unter dem Titel „Jan Ullrich – Der Gejagte“ angekündigt. Anders als in einem Film der ARD ist Ullrich auch zu hören. Im Teaser kündigt er an: „Jetzt ist Zeit, meine Geschichte zu erzählen. Die ganze Geschichte.“ Am 1. Dezember soll seine Autobiographie „Der Grenzgänger“ erscheinen.

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