Die Einzelkritik zum WM-Debakel: Schlotterbeck in BVB-Form, Gnabry versiebt Chancen - n-tv.de

Die Einzelkritik zum WM-Debakel Schlotterbeck in BVB-Form, Gnabry versiebt Chancen

Von Stephan Uersfeld, Doha 23.11.2022, 16:54 Uhr

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar beginnt für Deutschland mit dem schlimmsten Debakel seit dem WM-Aus bei der letzten Fußball-WM. Lange Zeit sieht es dabei für den Weltmeister von 2014 nicht schlecht aus. Dann verändert sich die Statik des Spiels. Die Mannschaft zerfällt. Unsere Einzelkritik:

Manuel Neuer: Stand in der ersten Halbzeit im Tor der deutschen Nationalmannschaft und trug die Kapitänsbinde. War vollkommen ohne Beschäftigung. Musste in der Drangphase der Japaner dann doch noch eingreifen. Einmal fuhr er seine Arme aus. Dann fuhr er wieder seine Arme aus, konnte den Schuss von Miniamino noch entschärfen, gegen Ritsu Doan war er beim 1:1 dann chancenlos. Gegen Takuma Asano war er beim 1:2 allerdings nicht ganz machtlos. Stürmte in der Schlussphase im gegnerischen Strafraum. Flog aber am Ball vorbei. Hätte sich das alles ganz anders vorgestellt.

Niklas Süle: Als Innenverteidiger von FC Bayern München zu Borussia Dortmund gewechselt, verkörpert Niklas Süle plötzlich die Hoffnung der Nation auf der Rechtsverteidiger-Position. Bundestrainer Hansi Flick hat ihn im Testspiel im Oman noch geschont, doch beim Auftaktspiel setzt er auf den 27-Jährigen. Der spielt beim BVB zuletzt solide. Wirkt immer wie ein Tipp-Kick-Männchen, ist jedoch etwas filigraner. Stand anders als Raum tief und schob in Ballbesitz in die Mitte. Da fühlt er sich ohnehin zu Hause, zeigte sich hin und wieder vorne. Sah beim 1:1 unglücklich aus.

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Rüdiger ist die Stütze der Defensive.

(Foto: dpa)

Antonio Rüdiger: Der gebürtige Berliner ist der zentrale Mann im deutschen Defensivverbund. Ohne ihn geht wenig. Das zeigte er auch beim WM-Auftakt. Hintern räumte er alles ab, half seinen Kollegen Schlotterbeck und Süle in der Not. Nach vorne verlieh er dem Spiel erste Struktur, sorgte mit langen Diagonalpässen auf Raum für ein wenig Kultur, zeigte sich hin und wieder vorne und hatte in einem Sprintduell Zeit, die Beine in die Luft zu werfen. Ihm wird jetzt noch Arroganz vorgeworfen. Der Star von Real Madrid ist für die DFB-Elf überlebenswichtig, bekommt es alleine dann aber auch nicht hin.

Nico Schlotterbeck: Der Dortmunder stand nach zuletzt schwachen Leistungen im Verein recht überraschend in der Startformation. Knüpfte fast nahtlos an seine Krise im Klub an. Zahlreiche Ballverluste und ziellose Pässe zeichneten sein Spiel in der Anfangsphase aus. Wurde dann stabiler und mischte sich mit Pässen ins Offensivspiel ein. Fiel bei der DFB-Elf bisher oft auf, indem er Elfmeter verursachte. Diesmal klärte er in der 61. Minute gekonnt mit der Brust und kurze Zeit später mit dem Kopf. Unterlief aber einen Eckball. Konnte beim 1:2 nicht mit Takuma Asano mitgehen. Der Spieler des VfL Bochum ignorierte ihn einfach. Dürfte eher kein Spiel mehr bekommen.

David Raum: Der Leipziger liebt Tätowierungen. Auf seiner Brust steht "Living The Dream". Sicher nicht verkehrt, wenn man sich seinen zurückgelegten Weg anschaut. Fürth, Hoffenheim, Leipzig und jetzt Startelf bei der WM in Katar. Stand dabei sehr oft sehr hoch, bekam es so mit Hiroki Sakai und Junya Ito zu tun. Lief vor und zurück und einmal in Torhüter Shuichi Gonda. Schiedsrichter Ivan Arcides Barton Cisneros aus El Salvador musste auf Elfmeter entscheiden. Wusste lange zu gefallen. Musste oft lange Wege zurücklegen, einmal tat er das nicht. Aus der Ferne sah er Schlotterbeck. Dann stand es 1:2.

Joshua Kimmich: Vor der WM gab es die altbekannte Diskussion um Kimmichs Wechsel auf die Rechtsverteidigerposition. Flick bestellte bei ihm aber die Sechs und damit auch seine öffnenden Bälle. Leitete mit seinem Traumpass auf Raum den Elfmeter zum 1:0 ein. Auch sonst gab Kimmich sich umtriebig. Stabilität und Tiefe, kurze Pässe und hohe Bälle hinter die Abwehr. Das kann er. Er ist der Mann für die Schlüsselpässe. Konnte aber auch nichts ausrichten, als das deutsche Spiel nach den Auswechslungen von Gündoğan und Musiala zerbrach.

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Zunächst war Gündoğan der gefeierte Mann auf dem Platz.

(Foto: AP)

İlkay Gündoğan: Der Kapitän von Manchester City erhielt den Vorzug vor Leon Goretzka. Er begann fahrig. Ein überflüssiger Ballverlust in der achten Minute sorgte beinahe für Japans Führungstreffer. Maeda stand zum Glück im Abseits. Kam dann immer besser in Tritt, wurde früh offensiv mit zwei Schüssen gefährlich, verwandelte den Elfmeter und steigerte sich. Kommandierte gemeinsam mit Kimmich, vor dem Duo war es in der ersten Halbzeit ohnehin schwierig. Hatte die Chance auf das 2:0, aber sein Flachschuss aus 17 Metern traf nach einer Stunde den Pfosten auf der Außenseite.

Ab der 67. Minute Leon Goretzka: War erst unauffällig und versuchte sich dann in der Schlussphase als Mentalitätsmonster. Wollte den Ausgleich erzwingen, per Kopf, per Schuss und per Faller im Strafraum. Gelang ihm nicht.

Jamal Musiala: Wanderte aufgrund von Müllers Rückkehr meist auf die linke Seite. Der jüngste DFB-Spieler bei einer WM seit Karl-Heinz Schnellinger 1958 legte gleich los, zog in der zweiten Minute gleich an zwei Japaner vorbei. Rannte sich dann bei seinem Weltmeisterschaft-Debüt häufiger fest. Kann natürlich viel mehr. Beinahe mit dem Pausenpfiff ließ er am Strafraum ein paar Gegenspieler aussteigen und sorgte so für den ersten "Musiala-Moment" bei diesem Turnier. War beim Abschluss da noch zu ungenau. Bei seinem Lauf entlang der japanischen Abwehr Anfang der zweiten Halbzeit kam er dem Ziel schon näher. Spielte viele letzte und vorletzte Bälle, die alle nicht zu Toren führten.

Ab der 79. Minute Mario Götze: Sein Comeback in der Nationalmannschaft hätte schlimmer nicht sein können. Musste die bitterste Pleite seit dem letzten WM-Spiel 2018 gegen Südkorea miterleben. Hoffte einmal auf einen Elfmeter. Menschen dürfen hoffen.

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Müller kann es nicht fassen.

(Foto: dpa)

Thomas Müller: Nach längerer Auszeit zurück, teilte sich der WM-Veteran mit Musiala die Rolle auf der 10. Der Pferdeliebhaber übernahm dabei den rechten Part, wich immer wieder auf den Flügel aus, aber war weit von seiner Bestform entfernt. Zeigte sich Anfang der zweiten Halbzeit häufiger. Dann nicht mehr. Durfte sich ein wenig früher erholen. Damit es bald wieder müllert. Viele Chancen dazu wird es bei einer WM

Ab der 67. Minute Jonas Hofmann: Hätte mit seiner ersten Aktion das 2:0 erzielen müssen. Tat das nicht. Dann ging er unter, wie der Rest der deutschen Mannschaft.

Serge Gnabry: Hing sehr lange ganz weit rechts in der offensiven Viererkette, ging dort etwas unter. Bei Bayern zuletzt in Galaform. In Katar noch auf der Suche. Wird Zeit bekommen. Rollte bereits in der zweiten Halbzeit langsam los, stand nach Müllers Pass in der 47. Minute frei vorm Tor, verzog aus etwas spitzem Winkel. Befreite sich von der Linie, war immer häufiger im zentralen Mittelfeld zu finden. Hatte zwischen der 69. und 70. Minute sehr viel Chancen auf das 2:0, nutzte keine davon. Fatal, wie sich später rausstellte.

Ab der 90. Minute Youssoufa Moukoko: Jüngster DFB-Debütant bei einer WM aller Zeiten. Schob sich vor Schnellinger. Konnte aber auch nichts mehr ausrichten. Obwohl er eine Ablage von Füllkrug gefährlich in die Mitte brachte.

Kai Havertz: War in den ersten 30 Minuten auch auf dem Platz, wurde in seiner Rolle vor der offensiven Viererkette dann etwas auffälliger, auch weil er sich manchmal hinter sie fallen ließ. In den ersten 45 Minuten war der polyvalente Offensivspieler selten zu sehen, nur bei seinem Abseitstreffer vor dem Pausenpfiff im Strafraum aktiv. Eine unauffällige Leistung des Manns aus England.

Ab der 79. Minute Niclas Füllkrug: WM-Debüt für den Bremer, der kam, um das 2:1 zu erzielen und das 1:2 sah.

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