Hans Magnus Enzensberger - Ein Leben

Hans Magnus Enzensberger wird als unverkrampfter Zeitkritiker in Erinnerung bleiben, als heller Kopf und Intellektueller. Nun ist er gestorben.

von Wolfgang Herles, Frank Vorpahl

Hans Magnus Enzensberger wird als unverkrampfter Zeitkritiker in Erinnerung bleiben, als heller Kopf und Intellektueller, der der Bundesrepublik Beine machte. Am 24. November 2022 ist der Schriftsteller im Alter von 93 Jahren in München gestorben.

Videolänge: 11 min Datum: 26.11.2022 : UT Verfügbarkeit: Video verfügbar bis 26.12.2022, in Deutschland, Österreich, Schweiz

Geboren am 11. November 1929 in Kaufbeuren, blieb Enzensberger sein Leben lang einer, der Moden machte, statt Moden zu folgen. Einer, der durch seine Zeit flanierte. Er wollte sich nicht langweilen. Als Dichter konnte er alles besingen, selbst die Mathematik.

Geboren als ältester von drei Söhnen, als Beamtenkind, war der junge Hans Magnus Enzensberger zur Teilnahme bei der Hitlerjugend verpflichtet. Mit der Begründung, er sei trotzig und ein Querulant, wurde er aber ausgeschlossen. Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges erlebte Hans Magnus Enzensberger als Angehöriger des Volkssturms. Aber er entzog sich dem Dienst und schlug sich bis nach Hause durch.

Zorniger junger Dichter

Standbild: Enzensberger über die Gruppe 47

Die 1950er Jahre in Deutschland: Die Leute waren strebsam, die Atmosphäre stickig, und die Nazizeit war noch lange nicht verwunden. Der zornige junge Dichter Enzensberger war gleich mit seinem ersten Gedichtband in aller Munde: 1957 publizierte er "Die Verteidigung der Wölfe". Er verteidigte die Wölfe gegen die Lämmer, die vermeintlichen Opfer gegen die Täter. Bis 1957 arbeitete er als Hörfunkredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Auch in den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Radio-Essays. Enzensberger nahm an mehreren Tagungen der Gruppe 47 teil. Und er wurde zu einer der intellektuellen Leitfiguren der APO. Enzensberger arbeitete als freier Schriftsteller in Norwegen und in Italien, war als Lektor beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt tätig und zog sich 1961 auf eine Insel im Oslofjord zurück. 1963 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. 1965 gründete er eine Zeitschrift, die für die 1968er-Bewegung so wichtig war wie der Fahrplan für Reisende der Bahn: Das "Kursbuch".

"Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit"

Hans Magnus Enzensberger

Eines war Enzensberger nicht: einer, auf dessen ideologisch gefestigte Gesinnung man sich hätte verlassen können. Enzensberger nahm teil, ohne jemals Teil von irgendetwas zu sein. Zu den geistigen Wegbereitern der APO hatte man ihn gerechnet. Doch als Baader und Meinhof dann buchstäblich vor seiner Tür standen, zeigte er ihnen gewissermaßen den Vogel. Seine Sache sei es nicht, "mit Bekenntnissen um sich zu schmeißen", äußerte er. "Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit."

Die Kunst, selbst zu denken

Deutschland war ihm bald zu eng, zehn Jahre lang schaute er es sich lieber von außen an. Ein Jahr arbeitete er im Kuba Fidel Castros und Che Guevaras. Aber zum Revolutionär taugte er nicht. Kühl und hell und mit lakonischem Witz formulierte er. Als Aushängeschild der deutschen Literatur war er gern unterwegs. Ein Ein-Mann-Konzern war Enzensberger auch: Die "Andere Bibliothek" gründete er, gab sie heraus unter dem Slogan "Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten". Schöne Bücher, die auf Entdeckungsreise gingen. Hans Magnus Enzensberger: ein beweglicher Mann, der nichts lieber pflegte, als die Kunst, selbst zu denken.

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