Gavi, Pedri und Co.: Die Hochbegabten aus Spanien

Die Generation Gavi bringt viele Fähigkeiten mit, um mit Spanien eine neue Epoche zu prägen.
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Erstellt: 24.11.2022, 11:05 Uhr

Von: Frank Hellmann

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Erst 18, aber schon so gut: der spanischer Techniker Gavi. afp

Erst 18, aber schon so gut: der spanischer Techniker Gavi. afp © afp

Die Generation Gavi bringt viele Fähigkeiten mit, um mit Spanien eine neue Epoche zu prägen.

Es ist dann tatsächlich noch etwas schiefgegangen, als Gavi den Ball am Fuß hatte. Direkt vom Mittelkreis versuchte der Künstler im knallroten Jersey einen allerletzten Heber. Die Kugel flog im hohen Bogen am Ziel vorbei und blieb vor der Bande liegen. Wenige Sekunden vorher erfolgte der Abpfiff beim höchsten WM-Sieg Spaniens gegen Costa Rica (7:0). Insofern beschrieb der finale Versuch nur das Naturell eines lernwilligen Lausbuben, der sich hernach vor Schulterklopfern kaum noch retten konnte. Mehr als 40 000 Fans im Al Thumama Stadium staunten: gerade erst 18 und schon so gut.

Inmitten der „spanischen Sinfonie“ („Mundo Deportivo“) stach der großartige Gavi als junger Dirigent heraus. Ausgebildet in „La Masia“, der berühmten Talentschmiede des FC Barcelona, in die Pablo Martín Paez Gavira, so sein bürgerlicher Name, als kleiner Junge kam, der von Los Palacios y Villafranca in der Provinz Sevilla auszog, um die Fußballwelt zu erobern. Auch Nationaltrainer Luis Enrique artikulierte ausgesprochen viel Anerkennung: „Er ist einzigartiger Spieler, aggressiv mit dem Ball, aber auch aggressiv gegen den Ball.“ Es sei ein Vergnügen, „mit so einem Jungen zusammenarbeiten, der so viel mitbringt. Wir sind froh, ihn in unserem Team zu haben.“

Sein Ensemble ist der Favorit am Sonntag gegen Deutschland, auch wenn der spanische Coach das nicht hören mag. Noch immer habe der vierfache Weltmeister eine herausragende Mannschaft, betonte der 52-Jährige. „Wir werden genauso versuchen, gegen Deutschland zu spielen“, sagte Enrique noch, der eine einzige Frage nach der „One-Love“-Binde sofort erstickte: „No comment!“ Kein Kommentar. Nichts soll bei den Iberern den Spaß am Spiel stören.

Nur das Sakko sitzt schief

Die Ansammlung von Alleskönnern wirkte genauso beeindruckend wie die vielen Positionswechsel. Gavi glänzte gleichermaßen als Balleroberer und Ballverteiler – und traf in seinem 14. Länderspiel per Spannstoß zum 5:0. Zwangsläufig hockte er dann auch im Scheinwerferlicht eines kinoähnlichen Saals: Der „Man of the Match“ hatte sich den Verbandsanzug eilig übergeworfen; wäre seine Mutter in Doha dabei, hätte sie dafür gesorgt, dass der Junge ordentlich angezogen vor der Weltpresse erscheint. Auf der einen Seite lugte der Hemdkragen heraus, auf der anderen Seite hing das Sakko schief über der Schulter.

Fragen auf Englisch mussten ihm übersetzt werden, seine Antworten bestanden aus kurzen Sätzen und klangen ungefähr so: „Ich bin sehr stolz, ich bin wirklich froh.“ Angeblich wusste Spaniens Nummer neun nicht einmal, dass er mit 18 Jahren und 110 Tagen der jüngste Torschütze bei einer WM seit mehr als einem halben Jahrhundert war. Unterboten nur von der brasilianischen Ikone Pelé, der bei der WM 1958 noch nicht volljährig traf. Was soll ein Kicker mit fast kindlichem Antlitz zu solchen Vergleichen Gescheites sagen?

Wunderknabe Gavi bringt mit seinem kongenialen Partner Pedri, der beim zweiten WM-Gruppenspiel am Sonntag 20 Jahre alt wird, viele Anlagen mit, um für den spanischen Fußball die nächste Epoche zu prägen. „Pedri und ich sind sehr gute Freunde, er ist ein toller Spieler – es ist sehr einfach mit ihm zusammenzuspielen“, erklärte Gavi, dessen Ausstiegsklausel beim FC Barcelona angeblich bei einer Milliarde Euro liegen soll. Er und sein Kumpel sind längst als die Nachfolger eines Andrés Iniesta und Xavi Hernandez auserkoren.

Ihnen steht im Nationalteam der treue Klubkamerad Sergio Busquets als Absicherung zur Seite, der mit 34 Jahren mal gesagt hatte, die Jungstars seien schwieriger zu erziehen als seine Kinder. Ganz ernst war das nicht gemeint. Auf dem Platz wirken sie fast überreif. Gavi und Pedri sind nur die Leuchttürme, denn der spanische Jungbrunnen sprudelt unaufhörlich: Als Doppeltorschütze Ferran Torres (22 Jahre) ging, gaben Ansu Fati (20) oder Nico Williams (20) ihr WM-Debüt.

Die Generation Gavi führt ihr Tiki-Taka 2.0 nicht ganz so verspielt auf wie ihre Vorgänger. Gegen überforderte Mittelamerikaner haben sie von 1063 Pässen sage und schreibe 1003 zum Mitspieler gebracht, aber Ballbesitz ist weniger Selbstzweck, sondern folgt dem Ziel, mit Tempo Tiefe und Torgefahr zu erzeugen. Das klappt auch ohne klassischen Torjäger.

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