WM-Auftakt: Deutschland blamiert sich gegen Japan

Fußball WM-Auftakt

Erschreckend passives Deutschland blamiert sich gegen Japan

Stand: 17:24 Uhr | Lesedauer: 5 Minuten

Deutschlands Auftakt-Debakel gegen Japan – Die Highlights im Video

Die deutsche Nationalmannschaft blamiert sich zum WM-Auftakt gegen Japan. Trotz Führungstor und zahlreicher Chancen gibt Deutschland das Spiel in nur acht Minuten komplett aus der Hand. Die Highlights im Video.

Quelle: ARD

Autoplay

Auf die politischen Debatten im Vorfeld des ersten WM-Spiels folgt der sportliche Tiefschlag. Die deutsche Nationalmannschaft führte gegen Japan, ließ sich dann aber vom Außenseiter überrumpeln. Vor allem ein Mannschaftsteil rückt in den Fokus.

Selten war der Druck auf einer deutschen Nationalmannschaft beim WM-Auftakt so groß: Nicht nur, dass von dem Team von Hansi Flick ein Sieg zum Start erwartet wurde, vor allen Dingen wollten viele Fans nach der Debatte um die „One Love“-Binde ein Zeichen von den Spielern sehen. Liefern konnten sie nur in einem Punkt – sportlich geriet die 1:2 (1:0)-Niederlage gegen Japan am Ende zu einem Alptraum.

Es war womöglich nicht das Zeichen, auf das viele Fans gehofft hatten, aber es war ein Zeichen. Als sich die deutsche Nationalmannschaft eine Minute vor Anpfiff des Spiels zum Teamfoto zusammenfand, hielten sich die Spieler den Mund zu. Es war eine kollektive Geste, die zum Ausdruck bringen sollte: Seht her – wir wollten ja ein anderes, vielleicht klareres Zeichen für Menschenrechte setzen, aber es wurde uns unter Androhung von Sanktionen verboten. Uns wurde der Mund verboten. „Auch ohne Binde. Unsere Haltung steht“, twitterte der DFB kurz darauf.

Selbst wenn dies für manchen Kritiker nicht genug sein dürfte im Vergleich zur „One Love“-Kapitänsbinde, auf die Manuel Neuer verzichtet hatte – es war eine Geste, die klar zum Ausdruck brachte, wie sich die Fifa Fußballer wünscht: Sie sollen die Zirkuspferde sein, mit deren Hilfe sie Millionen umsetzt – aber bitte keine mündigen Menschen. Wehe dem, der es wagt, seine Meinung zu sagen. Es war auch eine Geste, die verriet, wie alleingelassen sich Neuer und Co derzeit fühlen.

Lesen Sie auch

Eindeutige Symbolik: deutschen Spieler vor dem WM-Auftakt gegen Japan

Wohl nie war vor einem Start einer deutschen Mannschaft in eine WM-Endrunde so wenig über Fußball gesprochen worden. Auch deshalb war die Ungewissheit, wo das Team von Hansi Flick steht, so groß wie selten vor Turnierbeginn – und noch größer dürfte diese Ungewissheit beim Bundestrainer sein. Deutschland hatte ein lange hoch überlegen geführtes Spiel am Ende komplett aus den Händen gegeben.

Zugriff nach 15 Minuten

Es dauerte, bis das Team sich in die Partie hinein gearbeitet hatte. Die Nervosität war anfänglich spürbar. In der deutschen Defensive, bei der Nico Schlotterbeck neben Abwehrchef Antonio Rüdiger zum Einsatz kam, gab es Wackler. Die Japaner ließen ihre Konterstärke kurz aufblitzen. In der Offensive mühten sich die Deutschen: Thomas Müller, Jamal Musiala und Serge Gnabry tauschten immer wieder die Positionen, um die sehr tief stehenden Japaner auseinander zu dividieren. Nach einer Viertelstunde hatte Deutschland dann jedoch Zugriff und kam zu Möglichkeiten – vor allem auch, weil sich mit Ilkay Gündogan und Joshua Kimmich die beiden defensiven Mittelfeldspieler nun verstärkt einbrachten.

Lesen Sie auch

Der bis dahin beste Angriff brachte dann die Führung: Ein Diagonalball von Kimmich landete beim weit aufgerückten Linksverteidiger David Raum. Der Leipziger legte den Ball an Gonda vorbei – und wurde dann von vom japanischen Keeper zu Fall gebracht. Den fälligen Strafstoß verwandelte Ilkay Gündogan zum 1:0 (33. Minute). Kurz vor der Pause traf dann auch Havertz, doch er stand im Abseits.

Auch nach dem Wechsel hielt die Dominanz der DFB-Elf, die es in der ersten Halbzeit auf 81 Prozent Ballbesitz gebracht hatte, zunächst an. Der Kombinationsfluss führte zu mehreren guten Chancen: Musiala hätte nach einem Sololauf durch die japanische Abwehr einen Traumtreffer erzielen können, wenn er im Abschluss konzentriert geblieben wäre (51.). Zehn Minuten darauf traf Gündogan mit einem Schuss aus 17 Metern den Pfosten. Dann lieferten sich Gnabry und der eingewechselte Jonas Hofmann ein Privatduell mit dem starken Gonda (70.). Zu diesem Zeitpunkt hätte das Spiel längst entschieden sein müssen.

Konfusion in der Abwehr

Dann aber rächte sich der fahrlässige Umgang mit den Chancen. Die Japaner wurden mutiger und nachdem Neuer zunächst gegen Sakai noch stark parieren konnte (73.), war er drei Minuten später machtlos – als der eingewechselte Freiburger Ritsu Doan eine Konfusion in der Abwehr ausnutzte und einen Abpraller zum 1:1 verwerten konnte (76.).

Lesen Sie auch

Germany v Japan: Group E - FIFA World Cup Qatar 2022

Danach glitt dem Team das Spiel vollends aus den Händen: In der 84. Minute ließ Schlotterbeck Takuma Asano einfach durchlaufen – und der Bochumer traf aus spitzem Winkel zur 2:1-Führung für die Asiaten. Das Spiel, das Deutschland über weite Strecken komplett im Griff hatte, war gekippt. Die Passivität vor allem in der Defensive, die nun zutage trat, war erschreckend.

Bei Flick, der bereits vor Anpfiff betont hatte, wie wichtig ein erfolgreicher Auftakt sei, dürften die Zweifel, die er zuvor bereits gehabt hatte, noch größer werden. Hatte womöglich auch die Debatte über die Binde die Konzentration gestört? Auch eine halbe Stunde vor dem Anpfiff hatte erneut über das Thema reden müssen, als er sich der ARD zum Interview gestellt hatte. Wieder hatte er herunter gebetet, was er schon in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt hatte: Dass die Mannschaft sehr enttäuscht war, als die Fifa die „One Love“-Binde verboten hatte, aber „dass wir letztendlich hier sind, um Fußball zu spielen und ein gutes Turnier zu spielen.“ Ob es statt der Binde ein anderes Zeichen des Teams gebe, wurde er gefragt. „Schauen wir mal“, hatte er geantwortet.

Das Zeichen gab es, den erhofften guten Auftakt nicht, sondern einen veritablen Fehlstart.

Ähnliche Nachrichten