Kinofilm „Bones and All“: Schmeckt das denn?

Kinofilm „Bones and All“: Schmeckt das denn?
Erwachsenwerden ist schwer genug. Zusätzlich konfrontiert Luca Guadagnino die Jugend im Film „Bones and All“ auch noch mit...

Sie sind unter uns. Aber wir ahnen es nicht. Die meisten von ihnen auch nicht. Sie meinen, sie wären allein mit ihrem Drang. Oder ist es ein Trieb? Sie sind „eater“, „Esser“, ein Begriff, der eigentlich zu unspezifisch ist für das, was er bezeichnet: Menschen, die Menschen „essen“, ratzeputz, am Ende bleiben nur ein paar Knochen übrig. In dem Roman „Bones and All“ von Camille DeAngelis sind es vor allem die Knöchelchen im Ohr, die eine besondere Rolle spielen, als eine Art Hundeknochen für einsame Fresser.

Luca Guadagnino hat diesen Roman nun verfilmt, er hat dabei einiges umgedreht von den Ideen der Vorlage, aber das zentrale Motiv bleibt auch bei ihm dieser skandalöse Hunger, der weit über das hinausgeht, was mit Nahrungsaufnahme zusammenhängt. Kannibalismus ist von allen Verstößen gegen die Mitmenschlichkeit wohl einer der anstößigsten.

Fleisch zu essen ist ohnehin schon vielfach verpönt, und dann auch noch das der eigenen Gattung! Okay, es gibt perverse Genießer wie Hannibal Lecter, und vor noch nicht so langer Zeit konnte man auch noch ab und zu rassistische Karikaturen sehen, auf denen weiße Menschen irgendwo in Afrika in einem Kessel gesotten wurden.

So richtig kannibalisch ist der Kannibalismus aber erst, wenn sich darin das Tier im Menschen zeigt. So ist das bei Camille DeAngelis. Die menschenfressenden Menschen, die da zu sehen sind, halten sich mit Zubereitung nicht lange auf. Sie schlagen ihre Zähne in das Fleisch, als ginge es um ihre letzte Mahlzeit, als fräßen sie um ihr Leben. Und so ist es ja auch: Maren und Lee (und der sinistre Sully) müssen von Zeit zu Zeit ihrem Nahrungstrieb Genüge tun. Sie gehören zu einer heimlichen Minderheit, vergleichbar den Vampiren. Mit ihrem Kannibalismus geht allerdings kein Privileg einher, sie sind nicht unsterblich und stehen dem täglichen Leben nicht aus einer Perspektive tragischer Ewigkeit gegenüber.

Sie sind nur einfach noch radikalere Außenseiter, als sie es als Jugendliche im heutigen Amerika ohnehin schon sind. Maren (Taylor Russell, davor zu sehen in dem spannenden „Waves“ von Trey Edward Shults) lebt mit ihrem Vater in einem Quartier, das nicht gerade nach einem stabilen Leben aussieht.

Sie ist eine junge schwarze Frau, die gleich einmal die erste Einladung, an einem neuen Ort Freundschaften zu schließen, gründlich verdirbt, indem sie einem Mädchen den Finger abbeißt. Und zwar „bones and all“, mit Knochen und allem. Nur die Fleischindustrie ist brutaler, die macht aus Kochen noch Mehl und verfüttert es wieder an Tiere. Nach der Sache mit dem Finger bleibt nicht viel mehr als die Flucht. Der Vater büxt aber dieses Mal selbst aus, er lässt Maren mit einem Tonband zurück, auf dem sie ihre Geschichte erfährt – und mit dem sie ihre Mutter suchen kann. Die hütet zwar nicht das Geheimnis von Marens spezieller Konditionierung, aber sie kann vielleicht zumindest eine Ahnung davon vermitteln, warum sie so ist, wie sie ist.

Auch Lee ist ein Reißer

Eine passende Begleitung auf ihrer Fahrt quer durch den Mittleren Westen Amerikas (jeder neue Bundesstaat wird mit einem Kürzel benannt, man kann also ein bisschen Schnitzeljagd mit den Resten aus dem Geographie-Unterricht betreiben) findet sie in dem schlaksigen Lee (Timothée Chalamet, der vor allem durch Guadagninos „Call Me By Your Name“ berühmt wurde).

Der trägt die zerfetztesten Jeans, die gerade noch irgendwie als Hosen durchgehen, und ist auch sonst ein verwegener Typ. Wenn man manchmal von wilden Tieren sagt, dass sie ihre Beute reißen, dann ist auch Lee ein Reißer. Mit diesem Paar ist alles bereitet für ein schönes Roadmovie auf den Spuren vergleichbarer Außenseitermythen – Kathryn Bigelows „Near Dark“ oder Andrea Arnolds „American Honey“ könnten einem einfallen, an die herzzerreißende amerikanische Gegen-Romantik von „Near Dark“ reicht „Bones and All“ dann allerdings doch nicht ganz heran.

Guadagnino ist einer der großen Regisseure der (immer auch latent oder offen queeren) Adoleszenz im heutigen Kino. Seine Serie „We Are Who We Are“ fand auf einer amerikanischen Militärbasis in Italien ganz ähnliche Figuren wie nun Maren und Lee, bedurfte also nicht der schon in der Romanvorlage ein wenig in der Luft hängenden rätselhaften und schockierenden Disposition, um ein intensives Porträt von Adoleszenz zu entwerfen.

Mit Mark Rylance in der Rolle des Sully hat „Bones and All“ zum Glück einen der interessantesten „Schurken“ seit langem: eine Figur, die nach Äonen von Einsamkeit streng riecht und sich eine der schrägsten Selbstinszenierungen ever zugelegt hat (halb Indianerhäuptling, halb ewiger Huckleberry Finn mit Hochwasserhosen, dabei aber mindestens doppelt monströs). Das mit dem Kannibalismus muss man vielleicht nicht zu ernst nehmen (oder eben so ernst, wie es ein Schock sein soll), dann kann man mit „Bones and All“ eine gute Zeit haben.

Übrigens auch eine Zeitreise, wie nicht zuletzt der Soundtrack verrät: von Joy Division bis New Order. Denn das ist Luca Guadagnino ja auch: ein Pop-Enzyklopädiker, der sich nimmt, was ihm gerade passt, oder der immer das Pop-Zitat findet.

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