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Plötzlich im Westjordanland

Ein vermeintlicher Fehltritt bringt einen Mann um Ruf und Existenz. In einer aberwitzigen Verkettung von Zufällen findet sich der Ausgestoßene im Westjordanland wieder – und wird dort gefeiert als Gotteswunder. Eine tragisch-komische Geschichte des ni

Kadoke ist Psychiater. Er hat moderat liberale Ansichten und ist auf seinem Fachgebiet, der Suizidprävention, moderat kreativ. Liebevoll kümmert er sich um seinen gebrechlichen Vater, der mal sterben, mal leben will.

Dieses maßvoll aufregende Leben gerät aus den Fugen, als eine Klientin Kadoke der Übergriffigkeit bezichtigt. Dass der die junge Frau aus therapeutischen Gründen als Pflegerin seines Vaters ins Haus geholt hat, nimmt ihm die Disziplinarkammer nicht ab. Kadoke verliert seine Zulassung, seinen Ruf, seine Freunde, seine Selbstachtung. Er steht endgültig vor dem Nichts, als die junge Borderline-Patientin auch noch einen Medien-Skandal um seine Person entfacht:

"Er und Vater werden diese Stadt und dieses Land verlassen. Er hat nicht vor, sich die nächsten Jahre als Paria durch Amsterdam zu bewegen, erkannt und verfolgt zu werden als etwas, das er nicht war und übrigens auch niemals sein wird."

Pflegerin hält die Hand einer Seniorin. (imago / allOver-MEV) (imago / allOver-MEV)Arnon Grünberg: "Muttermale" - Spielarten der Liebe
Der Psychiater Kadoke muss wieder zu Hause einziehen, um seine Mutter zu pflegen. Sie hat etliche Konzentrationslager überlebt und beschimpft ihren Sohn ständig, um ihn härter zu machen. Kadoke nimmt die Erniedrigungen als ihre eigene Art von Zuneigung an.

Vom Flirt in die Ehe

Der Ausweg heißt Israel. Der säkulare, antizionistisch eingestellte Jude Kadoke findet Zuflucht bei einer Ururgroßcousine. Anat ist Doktorandin der Mathematik, orthodox und überzeugte Siedlerin im Westjordanland. Nach kinderlos geschiedener Ehe steht sie unter Druck, doch noch Kinder zu bekommen. Was als Flirt beginnt, mündet schon nach Tagen in eine Ehe. Kadoke erhofft sich Liebe, Anat Nachwuchs.

Arnon Grünberg erzählt die Geschichte in einer rasanten Folge von Episoden mit vielen grotesken Wendungen. Es ist ein Kammerspiel mit dem Tempo einer Soap. In teils surrealen Dialogen entwickelt sich das Drama von dem Moment an, da Kadoke von Bewohnerinnen der Siedlung als von Gott gesandter Heilsbringer gefeiert wird, der Anat Kinder schenkt. Dafür haben sie lange gebetet.

Binnen Stunden steht Heiratsplan, und Kadoke fragt seinen Vater, der mitgereist ist:

",Lieber Vater, habe ich deinen Segen, und hat sie den auch?’"Vater wirft Kadokes Künftiger einen kurzen Blick zu, dann sagt er zu seinem Sohn: ,Hättest Du nicht besser einen Hund nehmen können?’,Einen Hund?’,Ein Haustier. Wenn Leute in Deinem Alter sich einsam fühlen, können sie sich doch ein Haustier anschaffen?’,Was sagt er?', fragt Anat.,Er will wissen, warum ich mir keinen Hund zugelegt habe, aber ich mag keine Hunde.’,Was sollen wir mit einem Hund? Ich will ein Kind. Darum heiraten wir, um Kinder zu bekommen. Keinen Hund.’"

Betrachtete man die Liste der Themen, die der Roman berührt, müsste man eine heillos überfrachtete Geschichte erwarten: das öffentliche Gesundheitssystem, der Medien- und Literaturbetrieb, die Macht der Ideologie, Antisemitismus, Erinnerung und Trauer, religiöser und politischer Wahn, Besatzungspolitik im weltpolitischen Kontext. Es gelingt Grünberg aber, diese Themen auf die kleinst mögliche Einheit herunterzubrechen: den einzelnen Menschen.

Die Mütze des Obersturmbannführers

Und der erscheint in seiner ganzen, manchmal lächerlichen Bescheidenheit: Kadoke als nach Liebe lechzender Illusionist, Anat als religiös-nationalistische Fanatikerin, die ihrem Mann beim Sex die Mütze eines SS-Obersturmbannführers aufsetzt, und Anats Mutter, die von einem seit Jahren im Koma liegenden Rabbiner-Guru in New York gesteuert wird, der ihr im Traum Anweisungen gibt.

Die Komik findet sich in einem Alltag, der wesentlich von Ideologie und Wahn geprägt ist. Kadoke lernt die sehr spezielle Welt der Siedler kennen und staunt über den Mangel an Schönheit, Geschmack und Komfort. Mit seinem Vater lebt er in einem heruntergekommenen Wohnwagen, muss das Gericht übergreifend nach Gänsefett schmeckende Essen ertragen, das Plastikbesteck, den Pulverkaffee, den Dreck. Die Siedler erwarten nämlich in Kürze den Messias. Es lohnt sich nicht mehr, den Alltag angenehm zu gestalten, wenn doch im Reich Gottes Abwaschen nicht mehr nötig ist:

"Alles hier ist Messianismus, denkt Kadoke, selbst die klebrigen Bratpfannen, der fettige Tisch und die verdreckte Toilette; zu guter Letzt alles nur Messianismus."

Gefangen mit Gänsefett und Pulverkaffee

Dabei sind Grünbergs Figuren nicht eindimensional oder exotisch. Das gelebte Leben wirkt in sich konsistent, und es ist immer Platz für ein kleines Geheimnis. Nur Kadokes alter Vater wirkt rational und hellsichtig. Die erzwungene Auswanderung nennt er Irrsinn, die übergriffige Intimbehandlung der russischen Altenpflegerin eine Vergewaltigung. Während sich sein Sohn einredet, keine Wahl zu haben als Anat zu heiraten und in der Siedlung zu leben, korrigiert ihn der Vater knapp:

"Jede Verbindung kann auch wieder gelöst werden. Du bist nicht ihr Gefangener, du bist niemandes Gefangener."

Kadoke bleibt aber ein Gefangener. Er lässt sich auf die lieblose Ehe ein, akzeptiert Gänsefett und Pulverkaffee, spielt den Obersturmbannführer. Das Schicksal hat alle im Griff in dieser Geschichte voller Parias – Kadoke als Ex-Psychiater, die Siedler als weltweit verachtete Besatzer.

Als Kadoke schließlich außerhalb der Siedlung einen Seitenweg zur Liebe findet, nimmt das Schicksal eine unerwartet gewaltsame Wendung. Die Geschichte, die lange als komödiantischer Liebesroman daherkommt, erweist sich als klassische Tragödie.

Arnon Grünberg beschert uns einen mitreißenden Roman, der trotz Momente der Komik die großen Fragen stellt: Worauf kommt es bei der Liebe an? Gibt es so etwas wie Freiheit? Wie verhalte ich mich gegenüber Ideologien? Es darf ein Glück genannt werden, dass Grünberg schon an einem dritten Kadoke-Roman arbeitet. Die benötigten Cliffhanger finden sich schon in den letzten Kapiteln der "Besetzten Gebiete".

Arnon Grünberg: "Besetzte Gebiete"aus dem Niederländischen von Rainer KerstenKiepenheuer & Witsch, Köln. 432 Seiten, 24 Euro.

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