Saudi-Arabiens Sensationssieg: Sogar die Houthi-Rebellen gratulieren

In Doha ziehen die saudischen Fans Runde um Runde durch den Souq Waqif, den alten Markt im Herzen der Hauptstadt. „Wo ist Messi?“, wollen sie wissen. „Wahnsinn, einfach Wahnsinn“, sagt einer Männer, die in Landesflaggen gehüllt am Abend nach dem Spiel durch die Gasse ziehen, noch immer etwas ungläubig. Wie so viele andere, die hier eine große Überraschung des Turniers feiern, ist er nicht mehr so richtig bei Stimme und ziemlich erschöpft.

Auf den Massenveranstaltungen mischen ausgelassene Fans aus dem Königreich bekannte Fanfest-Folklore mit traditionellen Tanzelementen ihrer Heimat. In der Hauptstadt Riad werden die Straßen spontan in eine WM-Meile umfunktioniert. Videos aus den saudischen Wohnzimmern zeigen Männer, die nach dem 2:1 wie von Sinnen durch den Raum springen.

Nur die amtliche saudische Nachrichtenagentur will sich von der überbordenden Begeisterung nicht anstecken lassen und meldet nüchtern: „Die saudischen und arabischen Fans brachten ihren großen Stolz und ihre Freude zum Ausdruck, nachdem die saudische Fußballnationalmannschaft im Rahmen der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft, die derzeit in Qatar mit 32 Mannschaften ausgetragen wird, einen historischen Sieg über das mit Stars gespickte argentinische Team errungen hatte.“

Zuvor hatte sie schon mitgeteilt , dass der König auf Vorschlag von Kronprinz Muhammad bin Salman diesen Mittwoch zu einem freien Tag erklärt hat. Turki al-Sheikh, Berater am Königshof und Leiter der Unterhaltungsbehörde, kündigte am Tag des Spiels auf Twitter an, der Eintritt in den großen Freizeitparks und Unterhaltungszentren in Riad sei frei.

Hervé Renard, der französische Trainer der saudischen Mannschaft, der „grünen Falken“, vergaß nicht, sich beim Sportministerium und dem saudischen Fußballverband für die „volle Unterstützung“ zu bedanken. Und beim Thronfolger für seine Großzügigkeit. „Als wir uns mit dem Prinzen getroffen haben, hat er keinen Druck auf uns ausgeübt, und das ist wunderbar“, sagte er. „Unter Druck gesetzt zu werden funktioniert nicht oft.“

Unter der Führung Muhammad bin Salmans wurde Sport im Königreich erst 2016 zu einer nationalen Priorität erhoben – als Teil des ehrgeizigen Reformprogramms, mit dem er die heimische Wirtschaft umbauen und unabhängig vom Erdöl machen will. Seinerzeit investierte die Sportbehörde 650 Millionen Dollar in die Förderung heimischer Athleten und Mannschaften. Im folgenden Jahr wurde Sportunterricht für Mädchen angeboten. Große Fußballbegeisterung, auch eine heimische Fußballkultur mit lautstarken Fans gibt es im Königreich schon deutlich länger.

So zählten in den ersten Tagen der WM die saudischen Anhänger zu den sichtbarsten. Abertausende sind ins kleine Nachbarland gereist. Viele fliegen nur für die Spiele ein, die saudische Fluggesellschaft bietet Shuttle-Flüge an. In Doha schlossen sich auch Einheimische den saudischen Siegesfeiern an. Ihr Emir, Tamim bin Hamad Al Thani, hatte es vorgemacht, als er sich die Landesflagge des großen Nachbarn über die Schulter gelegt. Das war eine bemerkenswerte Geste, denn es wurde erst im vergangenen Jahr eine Krise am Golf beigelegt, die tiefe politische Zerwürfnisse offenbart hatte.

Vor etwas mehr als fünf Jahren hätte kein saudischer Staatsbürger ein Fußballspiel in Qatar besuchen können. Am 5. Juni 2017 hatte ein von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten geführtes Quartett das kleine Emirat mit einer Blockadekampagne überzogen. Zwischenzeitlich stand sogar eine Militäraktion zur Diskussion.

Die Geste des qatarischen Emirs dürfte allerdings nicht nur Ausdruck der Entspannungspolitik unter den arabischen Golfstaaten sein, sondern auch arabischen Stolzes. Überall in der Region wurde der Coup der saudischen Mannschaft als arabischer Sieg gefeiert.

„Tausend Glückwünsche für den Sieg der saudischen Nationalmannschaft über die argentinische Mannschaft. Dieser Sieg hat den arabischen Fußball wieder auf die Landkarte gebracht“, hieß es etwa in einem Tweet aus dem Jemen. Der Absender war ein Kader der Huthi-Rebellen – gegen die das Königreich seit 2015 Krieg führt.

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