Alles außer Fußball: Wenn Außenseiter siegen

Alles außer Fußball: Wenn Außenseiter siegen

Waren Sie schon mal in Saudi-Arabien? Ich auch nicht. Was die meisten über das Land wissen, kommt aus ein paar wenigen Zusammenhängen der letzten Jahrzehnte: islamischer Fundamentalismus. Reichtum durch Öl. Finanziers des Terrorismus. Steinigungen und Amputationen als Strafe. Zwei der drei heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, befinden sich in Saudi-Arabien. Darüber hinaus können nur noch die Experten etwas beisteuern.

Die größte Heldentat

Doch dann kam der 2:1-WM-Sieg gegen Argentinien am Dienstag, der glücklicherweise noch etwas peinlicher für den zweifachen Weltmeister war als Japans 2:1 gegen uns. Und zum ersten Mal im Leben habe ich mich für saudische Emotionen interessiert. Stellen wir uns vor: Dieses Land, das niemand mit Fußball verbindet und dessen Liga keine Stars ins Ausland exportiert, hat für die größte Heldentat der WM-Geschichte gesorgt und seinen zweiten Sieg überhaupt in der Turniergeschichte errungen.

Da will man doch wissen, was im Land los ist. Erste Nachricht: Die Führung erklärte den Tag nach dem Match zum Feiertag. Wunderbar! Man gibt den Menschen staatlicherseits Zeit, sich zu freuen oder auszuflippen oder sonst den Tag zu vertrödeln, jedenfalls: ohne Arbeit. Natürlich haben die internationalen Medien fieberhaft nach saudischen Stimmen gefahndet. Der „Guardian“ präsentierte uns einen Marketingmenschen im Bauministerium in Riad mit dem Satz: „Heute Abend haben wir Geschichte geschrieben.“

Die „New York Times“ berichtete, Prinz Mohammed habe die Partie im Fernsehen geschaut und sich danach mit mehreren Menschen umarmt. Ein Youtube-Video von feiernden Fans zeigt einen Mann, der vor Freude eine Metalltür aus der Wohnung wirft, was auch durch wiederholtes Gucken der Szene nicht verständlicher wird, und dann einen anderen Mann, der mit der Kalaschnikow (oder dem, was Laien dafür halten könnten) in die Luft feuert – woraus man immerhin schließt, dass es Waffen im Haus gibt.

Auch die Rivalen in der Nahost-Region ließen sich nicht lumpen. Dubais Herrscher, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, twitterte seine Glückwünsche, die wir leider nicht zitieren können. Der Emir von Qatar wickelte sich sogar kurz in die saudische Flagge und beendete damit laut „New York Times“ fünf Jahre Feindschaft zwischen den beiden Wüstenstaaten.

Selbst Israels künftiger Premier Benjamin Netanjahu gratulierte mit einem Videoanruf an den befreundeten saudischen Blogger Mohammed Saud und nannte ihn „Bruder“. Argentinien sei eine großartige Fußballmannschaft und Lionel Messi ein großartiger Spieler, sagte Netanjahu, das mache den Sieg noch eindrucksvoller. Womit hier, an dieser Stelle, erwähnt sein soll, dass der Fußball nicht nur die FIFA, Schmiergelder und Gianni Infantino hervorbringt, sondern immer wieder, an allen Punkten der Erde, auch Stolz, Freude und einen Taumel des schönsten Irrsinns.

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