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Liefern ARD und ZDF immer noch "Westfernsehen"?

In den "neuen" Ländern gibt es mehr als nur Rechtsextremismus und Carmen Nebel: Ein Gastbeitrag von Matthias Platzeck in unserer Reihe "Was nun, ARD & ZDF?"

Können ARD, ZDF und Deutschlandradio ostdeutsch? Eigentlich sollte das kein Problem sein. Denn vor knapp 30 Jahren nahmen mit dem MDR und dem ORB (der mittlerweile zum RBB fusioniert ist) zwei ostdeutsche Rundfunkanstalten den Sendebetrieb auf, der NDR war fortan auch für Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Carmen Nebel, Maybritt Illner, Jens Riewa oder Kristin Otto sind von den Bildschirmen nicht wegzudenken. Und doch kam es Ende letzten Jahres zum Eklat in Sachsen-Anhalt. Im Magdeburger Landtag fand sich keine Mehrheit für die Anpassung der Rundfunkgebühr. Allerdings ging es in der Debatte um wesentlich mehr als um 86 Cent.

Schauen wir also zunächst auf ein paar Fakten: Das Vertrauen der Ostdeutschen in die öffentlich-rechtlichen Medien ist groß. Fast zwei Drittel der Ostdeutschen vertrauen ARD, ZDF und Co. Dieser Wert ist in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Betrachtet man den Marktanteil des MDR, werden viele west- und süddeutsche Sender blass. Denn mit über zehn Prozent liegt der MDR als Regionalsender deutlich an der Spitze der dritten Programme.

"Ossis" vertrauen ARD und ZDF weniger als "Wessis"

Es lohnt aber auch ein zweiter Blick. Denn das Vertrauensniveau der Ostdeutschen in die Öffentlich-Rechtlichen ist um gut zehn Punkte niedriger als das ihrer westdeutschen Landsleute. Dieser wirklich signifikante Unterschied zieht sich durch viele Ebenen bis hin zum Zutrauen in die deutsche Demokratie insgesamt. Woran liegt das? Und was hat dies wiederum mit den öffentlich-rechtlichen Medien zu tun?

Zunächst dürfen wir nicht vergessen, welche grundsätzliche Bedeutung gerade die öffentlich-rechtlichen Medien für unsere Gesellschaft haben. Aus Studien wissen wir, dass zwischen dem Demokratievertrauen und dem Medienvertrauen ein enger Zusammenhang besteht. Medien sind – in ihrer Gesamtheit – ein extrem wichtiger Raum, in dem öffentliche Debatten stattfinden sollen und müssen. Diese Räume sind unverzichtbar für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, aber auch für das Funktionieren unserer Demokratie sehr wertvoll. Denn es gehört zum Wesen der Demokratie, dass die öffentlichen Angelegenheiten öffentlich verhandelt werden, in Parlamenten, Parteien, Verbänden und Medien – und dass dabei auch die Vielfalt der Stimmen und Eindrücke eines Landes zu Wort kommen.

Das stärkere und häufigere Auftreten von Rechtsextremisten in den
Das stärkere und häufigere Auftreten von Rechtsextremisten in den "neuen" Ländern (wie hier beim Dresdner Gedenken an den 13. Februar 1945) wird auch von ARD und ZDF oft thematisiert. Dass stärkt Klischees, die sehr langlebig und hartnäckig sind und "den ©  Foto: dpa
Der Osten ist auch in Talkshows unterbesetzt

Die Einheitskommission der Bundesregierung hat in den vergangenen zwei Jahren sehr intensiv versucht zu ergründen, was die Ursachen sind für die größere Distanz der Ostdeutschen gegenüber unserer Demokratie, ihren Institutionen und Verfahren. Ein Grund ist, dass viele Ostdeutsche das Gefühl haben, ihre Lebenswirklichkeiten würden mit „fremden“ Augen betrachtet und sie selbst mit anderen Maßstäben bemessen. Selbst die Ost-Tatorte wirken bisweilen etwas düsterer und grauer. Die Journalistin Jana Hensel hat das kürzlich in der Wochenzeitung Die Zeit auf die Formel gebracht, viele Berichte in den Öffentlich-Rechtlichen vermittelten den Eindruck, dass „Westdeutschland die Norm und Ostdeutschland die Abweichung“ sei.

In den Corona-Talkshows im Frühjahr 2020 waren etwa zehn Prozent der Gäste aus dem Osten – das ist deutlich unterhalb des Bevölkerungsanteils der Ostdeutschen, der bei 17 Prozent liegt. Es waren dabei aber vor allem ostdeutsche Politiker, die bei Anne Will, Hart aber fair und Co. auf der Couch saßen. Dagegen spielten Wissenschaftler aus dem Osten kaum eine Rolle, Unternehmer oder Gastronomen kamen überhaupt nicht vor. Zwei Drittel der Sendungen verzichteten komplett auf ostdeutsche Talkgäste, während man das Gefühl hat, dass aus Bayern eigentlich immer jemand dabei ist.

Ostdeutsche Erinnerungskultur kommt zu wenig vor

Nach wie vor ist im Osten der Eindruck verbreitet, dass die Medien vor allem dann auf die neuen Länder schauen, wenn es um Stasi, Staatsdoping, DDR-Nostalgie oder Rechtsextremismus geht. Weitaus wichtiger wäre es jedoch, gerade die Zeit nach der Wiedervereinigung mit den Erfahrungen der Ostdeutschen im Umbruch zu beleuchten und ihre Lebensleistung stärker als Ressource für die Zukunft von ganz Deutschland zu nutzen.

Was mich besonders stört, ist die selbst vielen Nachrichten innewohnende Westsicht. Ich rede nicht über Kommentare. In vielen Meldungen wird jedoch ausgeblendet, dass ein Fünftel der Deutschen weniger mit altbundesdeutschen Geschichtsdaten zu tun hatte, sondern mit anderen Wegmarken groß geworden ist. Kinderbetreuung und Berufstätigkeit von Frauen waren anders als im Westen kein Streitthema. Die selbstbestimmte Schwangerschaftsunterbrechung gab es hierzulande früher, dafür kamen der arbeitsfreie Samstag oder das Farbfernsehen später. Mit „Sputnik“ verbindet man eher Stolz auf Kosmonauten wie Juri Gagarin und weniger antirussische Gefühle. Der Osten hat andere Jubiläen, die in den Tagesthemen oder im heute Journal nicht untergehen sollten.

Die „Tatorte“ aus Ostdeutschland (hier Team Dresden) seien düsterer als die aus dem Westen – lautet eine These. Verglichen mit Krimis etwa aus München oder Dortmund stimmt das zwar kaum. Aber durch jahrzehntelange Berichterstattung vor allem über Probleme
Die „Tatorte“ aus Ostdeutschland (hier Team Dresden) seien düsterer als die aus dem Westen – lautet eine These. Verglichen mit Krimis etwa aus München oder Dortmund stimmt das zwar kaum. Aber durch jahrzehntelange Berichterstattung vor allem über Probleme © Foto: ARD
Brauchen ARD & ZDF eine Ostquote?

Und noch ein Eindruck, ganz praktisch und platt auf den Punkt gebracht: Wenn etwa in der Tagesschau der Tod eines großen Mimen gemeldet wird, dann war der verstorbene Westdeutsche zweifelsfrei ein Volksschauspieler. Der zu betrauernde Ostdeutsche mit vergleichbar künstlerischer Leistung galt lediglich in der ehemaligen DDR als ein solcher. Diese feinen Unterschiede hören und verstören gerade Menschen, die gelernt haben, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Es gibt noch einen wichtigen Grund dafür, dass viele Ostdeutsche den öffentlichen Institutionen skeptisch gegenüberstehen. Das ist die Tatsache, dass sie in diesen Institutionen nicht angemessen vertreten sind. Studien belegen, dass auch nach 30 Jahren Einheit nur ganze fünf bis acht Prozent der Führungspositionen in Deutschland von Ostdeutschen besetzt werden. Selbst in den neuen Ländern liegt dieser Anteil auch nur bei einem Viertel. Das betrifft fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere aber Wissenschaft, Justiz, Medien.

Wie kann das sein? Aus der Wissenschaft wissen wir: Eliten rekrutieren sich häufig aus Eliten – oft über Generationen hinweg immer wieder neu. Doch diesen Zustand können wir nicht einfach als Schicksal hinnehmen. Denn wo es an Beteiligung und Aufstiegschancen mangelt, gehen auch Identifikation und Motivation verloren. Deshalb kann es nicht befriedigen, wenn beispielsweise in den Führungsetagen von ARD Aktuell oder dem ARD-Hauptstadtstudio, also dort, wo über die Berichte in Tagesschau und Tagesthemen entschieden wird, Ostdeutsche kaum vorkommen. Solange das so ist, muss über die Frage der angemessenen Vertretung der Ostdeutschen in führenden Positionen immer wieder gesprochen werden.

Vieles hat sich bereits zum Besseren verändert

Nun ist es zweifellos so, dass sich manches getan hat in den vergangenen Jahren. Die Berichte des Deutschlandradios aus Anlass von 30 Jahre Wiedervereinigung waren von ganz anderer Qualität als noch fünf Jahre zuvor. Sie handelten deutlich stärker von wichtigen Zukunftsfragen und Transformationserfahrungen als vom ewigen Rückblick auf die DDR oder Revolutionsgeschichte. Inzwischen dauern auch die Tagesthemen fünf Minuten länger und setzen stärker auf regionale Berichterstattung – wobei immerhin auch der Osten angemessen zu Wort kommt. Das sind wichtige Entwicklungen. Auch der MDR hat wegweisende Reportagen produziert, die das Leben im Hier und Jetzt beleuchten.

Aber damit können und dürfen sich die öffentlich-rechtlichen Medien nicht zufriedengeben. Die Anstalten brauchen Selbstverpflichtungen, damit Ostdeutsche bei der Vergabe von Führungspositionen stärker berücksichtigt werden als bisher. Erforderlich sind im wohlverstandenen Eigeninteresse regelmäßige Analysen über Umfang und Art – wohlgemerkt nicht über Inhalt – der Berichterstattung. Und drittens müssen mehr Gemeinschaftseinrichtungen der Öffentlich-Rechtlichen in den neuen Ländern angesiedelt werden – der KIKA in Erfurt und ein ARD-IT-Zentrum in Potsdam reichen einfach nicht.

Solche Signale sind notwendig, um das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien im Osten wachsen zu lassen. Damit die Glaubwürdigkeit von Berichterstattung zunimmt. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber für die Akzeptanz der öffentlichen-rechtlichen Medien und damit auch für Akzeptanz unserer Demokratie insgesamt und für den Zusammenhalt in unserem Land sind das wichtige Grundbedingungen.

Weiterführende Artikel

Unser Gastautor Matthias Platzeck (67) war von 2002 bis 2013 Ministerpräsident von Brandenburg. Er ist seit 1995 Mitglied der SPD. 2019/20 leitete Platzeck die Regierungskommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“.

Demnächst in unserer Serie:

MDR zwischen den Fronten: Großes Gebiet – kleine Lobby

Wie machen’s die anderen? Öffentlich-rechtliche Sender im Ausland

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